„Seid Menschen, ihr habt es in der Hand“ - Platz vor dem Abgeordnetenhaus wurde nach Margot Friedländer benannt

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner betonte bei der Namensgebung des Margot-Friedländer-Platzes am 7. Mai 2026, zum ersten Todestag der Zeitzeugin, die Holocaust-Überlebenden und Berliner Ehrenbürgerin, sie habe für einen unerschütterlichen Humanismus gestanden. „Der bislang namenlose Platz wird uns immer an sie und ihr und ihr Lebenswerk erinnern. Wir setzen damit ein klares Zeichen gegen Antisemitismus – und für Demokratie und Menschlichkeit.“

Nie sah man Margot Friedländer ohne die auffällige Bernsteinkette, die sie von ihrer Mutter zusammen mit einer Handtasche und einem Adressbuch erhalten hatte. Eine Nachbarin hatte Margot diese Botschaft ihrer Mutter ausgerichtet: „Versuche, dein Leben zu machen.“

Eine silberne Sondermünze zu 35 Euro erschien 2026, die diese Kette und die Worte SCHAUT AUF DAS WAS EUCH VERBINDET zeigt.

Der Stolperstein liegt in der Skalitzer Straße 32 in Berlin-Kreuzberg, wo Margot Bendheim zeitweilig gewohnt hatte.

Margot Friedländer brauchte Jahrzehnte, bis sie in der Lage war, über ihr Leben und Erlebnisse berichten. Ihr Buch von 2008 mit dem an eine Mahnung ihrer Mutter erinnernden Titel wurde und wird viel gelesen.
Fotos/Repros: Caspar
In Berlin sind zahlreiche Straßen und Plätze nach Ereignissen und Gestalten der Geschichte benannt. Bei manchen Namensgebungen gibt es Diskussionen, ob sie noch zeitgemäß sind, weil sich der Blick auf Begebenheiten und Personen im Laufe der Geschichte gewandelt haben. Allerdings muss manch ein Stadtraum noch ohne Namen auskommen. Das war bisher bei der Fläche zwischen dem Berliner Abgeordnetenhaus und dem ehemaligen Kunstgewerbemuseum und heutigen Martin-Gropius-Bau an der Niederkirchnerstraße in Berlin-Mitte der Fall. Vor wenigen Wochen erhielt der Platz den Namen der am 9. Mai 2025 mit 103 Jahren verstorbenen Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer. Ein Straßenschild vor dem Abgeordnetenhaus erinnert an die jüdische Zeitzeugin, die bis an ihr Lebensende für die Aufklärung über die Verbrechen des Nationalsozialismus eintrat und mit ihren Vorträgen und Lesungen gern gesehener Gast an Schulen und Universitäten war. Es wird berichtet, dass sonst lärmende Klassen mit wachsender Anteilnahme ihren Berichten zuhörten.
Margot Bendheim hatte das KZ Theresienstadt überlebt und war nach dem Krieg mit ihrem Ehemann Adolf Friedländer in die USA emigriert und zog im hohen Alter in ihre Heimatstadt Berlin zurück. In einer jüdischen Fabrikantenfamilie aufgewachsen, wurde sie schon früh Zeugin von rassistischer Diskriminierung und Ausgrenzung. Margot besuchte bis 1936 die Jüdische Mittelschule in der Großen Hamburger Straße gleich neben dem Jüdischen Altenheim und Friedhof, den es heute noch gibt. Hautnah erlebte und erlitt sie, wie das Naziregime brutal gegen Juden vorging und wie auch Kinder die Rassengesetze zu spüren bekamen.
Margot ließ sich nicht beirren, sie war sportlich aktiv und interessierte sich schon früh für Mode und Gestaltung. Nach der Schule erhielt sie eine Ausbildung als Mode- und Reklamezeichnerin an der Jüdischen Kunstgewerbeschule Feige und Straßburger am Hausvogteiplatz, dem Zentrum der Berliner Modeindustrie. Nach der Trennung der Eltern versuchte Mutter Auguste vergeblich mit den beiden Kindern nach Brasilien oder Shanghai auszuwandern, wohin schon viele Juden geflohen waren. Da aber der Vater die nötige Ausreiseerlaubnis für die Kinder verweigerte, musste die Familie in Berlin bleiben. Der Vater floh nach Belgien, wurde nach Kriegsbeginn in Frankreich interniert und starb 1942 in Auschwitz.
Margot Bendheim arbeitete im 1933 gegründeten Jüdischen Kulturbund, der Schauspielern, Sängern, Musikern, Bühnen- und Kostümbildern Verdienst und Heimat gab. „Solange ich am Theater war, fühlte ich mich sicher. In dieser Zeit gelang mir, alles, was draußen geschah, auszublenden. Ich verbrachte so viel Zeit wie möglich im Kulturbund. Erst wenn es abends spät wurde, fiel mir ein, dass ich schnell nach Hause musste, bevor die Ausgangssperre für Juden in Kraft trat. Im September 1939 fiel der allerletzte Vorhang. ,Gräfin Mariza' ging zu Ende. Der Krieg hatte begonnen. Für uns beutete dieser Krieg vor allem, dass unser Theater geschlossen wurde.“ Wie viele andere „U-Boote“ wechselte Margot ihre Verstecke. Sie fand immer wieder neue Unterstützer und trennte ihren gelben Stern von der Kleidung, veränderte ihr Aussehen, färbte ihre Haare rot, weil man das von Juden am wenigsten erwartete, unterzog sich einer Nasenoperation und trug ein Kreuz an der Halskette, um sich als Christin auszugeben. Ihr letztes Versteck war die Wohnung von Hugo und Irmgard Camplair in der Fasanenstraße 70.
Auf dem Rückweg vom Zoo-Bunker, der Berlinern bei Bombenangriffen Schutz bot, aber für Juden verboten war, wurde Margot von sogenannten Judengreifern erkannt, an die Gestapo verraten und verhaftet. Sie wurde am 16. Juni 1944 ins so genannte Altersghetto Theresienstadt deportiert, wo sie zunächst als Schneiderin Kleider für die Ehefrauen der SS Männer nähen musste. In ständiger Angst lebend, hungernd und frierend und von Wanzen geplagt, wusste sie wie die anderen Häftlinge, was es bedeutet, wenn sie in den Osten „abgeschoben“ wird, und dass es von dort keine Wiederkehr gibt.
Margot Bendheim entkam wie durch ein Wunder der Hölle von Theresienstadt. Sie hat die Befreiung durch die Rote Armee am 8. Mai 1945 als unfassbares Glück erlebt. Im Juli 1946 bestiegen Adolf und Margot Friedländer das Auswanderungsschiff „Marine Perch“, das sie nach New York brachte. Margot arbeitete dort als Änderungsschneiderin und Reiseagentin; ihr Mann hatte hohe Positionen bei Jüdischen Organisationen inne. Nach seinem Tod am 25. Dezember 1997 begann Margot, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Sie besuchte 2003 auf Einladung des Senats erstmals wieder Berlin und siedelte 2009 ganz in die deutsche Hauptstadt um. 2008 erschien ihre Autobiografie „Versuche, dein Leben zu machen“ im Rowohlt-Verlag. 2010 wurde sie Berliner Ehrenbürgerin, ein Jahr später erhielt sie für ihr unermüdliches Auftreten als Zeitzeugin des Holocaust das Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland am Bande. Das Große Verdienstkreuz wurde der 103-Jährigen einen Tag nach ihrem Tod am 5. Main 2025 posthum verliehen.
Es dauerte Jahrzehnte, bis sie über ihre Erlebnisse sprechen und schreiben und „Nie wieder“ fordern konnte. Bis in ihr ungewöhnlich hohes Alter kämpfte sie gegen das Vergessen und Verdrängen und die Leugnung des Völkermords an den Juden, Sinti und Roma, an den Kranken und Schwachen und all den anderen Menschen, die nicht in das rassistische und völkische Menschenbild der Nationalsozialisten passten. Auf diese Weise verarbeitete ihre schrecklichen Erlebnisse und gab anderen die Mahnung „Seid Menschen - ihr hab es in der Hand“ auf den Weg. Sie meinte damit auch jene unbelehrbaren Zeitgenossen, die sich wie damals die Nazis als „bessere Deutsche“ fühlen, Fremde verachten und aus unserem Land vertreiben und eine „völkische“ Diktatur errichten wollen.
5. Juni 2026