Tätige Nächstenliebe ohne Ansehen der Person - Beim Besuch des Hedwigskrankenhauses an der Großen Hamburger Straße in Berlin-Mitte notiert



Auf dem Gelände des früheren Jüdischen Altenheims erinnert eine Bronzegruppe an die 55 000 Berliner Juden, die von hier aus in die nationalsozialistischen Vernichtungslager verschleppt wurden.

  

Blick von der Sophienkirche um 1920 auf das Hedwigskrankenhaus und von heute über den Hof zum Haus, in dem auch die Urologie und die Op-Säle untergebracht sind. Rechts ist mit spitzem Dach die Marienkapelle zu sehen.



Das Hedwigskrankenhaus an der Großen Hamburger Straße und der Krausnickstraße besteht aus neogotischen Klinkerbauten, die für das 19. und frühe 20. Jahrhundert typisch sind.



Wie die Außenanlagen blieb auch die hier weihnchtlich geschmückte Marienkapelle von Kriegszerstörung und Bilderstürmerei verschont.



Das Krankenhaus hat sich der Mitmenschlichkeit und Toleranz, der tätigen Hilfe am Nächsten, der Fürsorge für Kranke und Schwache sowie der Barmherzigkeit verschrieben hat, steht aber auch für Zivilcourage und Mut in Zeiten der Bedrängnis. Auf einem der vielen Flure erzählten Bild-Text-Tafeln die Geschichte des Hedwigskrankenhauses.



Im Krankenhaus lernt man die Heilige Hedwig kennen, die wegen ihrer Glaubensstärke und Nächstenliebe verehrt wird, und die Heilige Agatha, die als Patronin der Feuerwehr und Schutzheilige für Kranke gilt.

Fotos/Repro: Caspar

Die Große Hamburger Straße in der Spandauer Vorstadt
unweit des S-Bahnhofs Hackescher Markt und des Monbijouplatzes in Berlin wurde um 1700 entlang eines alten Heerwegs nach Hamburg angelegt. An ihr legte die Jüdische Gemeinde um 1672 ihren Friedhof an, den es auch heute gibt. Im 18. Jahrhundert wurden an der Einmündung zur Oranienburger Straße das Jüdische Gemeindehaus und ein Jüdisches Krankenhaus erbaut, das um 1860 in die Auguststraße verlegt wurde. Das katholische St. Hedwigskrankenhaus in der Großen Hamburger Straße 5 bis 11 wurde 1844 eingerichtet. Auf dem Weg dorthin kommt man am Jüdischen Friedhof vorbei, vor dessen Gitter ein Denkmal aus Bronzeguss an die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden erinnert. Geschaffen von Will Lammert zeigt es eine Menschengruppe, die der Deportation in eines der Vernichtungslager entgegen sieht. Weiter geht es in Richtung Hedwigskrankenhaus vorbei am Jüdischen Gymnasium und an der Sophienkirche. Eine Schrifttafel an der Ecke Krausnickstraße/Große Hamburger Straße erinnert an die Märzrevolution von 1848, als das Krankenhaus Verwundete aufnahm ohne zu fragen, auf welcher Seite der Barrikaden sie gekämpft hatten. Der Oberin gelang es mit den Worten „Wir pflegen eure Brüder und Schwestern. Wir halten es mit unseren Armen und Kranken“, die Lage zu entspannen. Den Schwestern wurde, so erzählt die Chronik von St. Hedwig, eine Ehrenbürgerwache gestellt, und sie konnten ohne weitere Störung ihrer Arbeit nachgehen.

Dunkelrote Klinkerbauten
Die Nachfrage nach guter Krankenbetreuung und damit die Bettenzahl stiegen stieg rasch, so dass von drei Betten im Jahr 1844 schon sechs Jahre später bereits 50 Betten zur Verfügung standen. Das Hedwigskrankenhaus erstreckt sich auf einem großen Grundstück entlang der Krausnickstraße und Großen Hamburger Straße und besteht aus mehreren dunkelroten Klinkerbauten, die sich um einen großen Hof gruppieren. Dort erinnert ein Brunnen daran, dass das Krankenhaus den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschädigt überstanden hat. Das nach seinem Gründer Georg Dehio benannte „Handbuch der deutschen. Kunstdenkmäler“ schreibt im Berlin-Band von 2006 über das erste katholisches Krankenhaus Berlins, die ausgedehnte Anlage sei zwischen 1851 und 1905 in neogotischen Formen errichtet worden. Das ursprüngliche Hauptgebäude wurde 1851/2 nach Plänen des Kölner Dombaumeisters Vinzenz Statz und Albert Kinel als dreigeschossiger Ziegelverblendbau mit seitlicher Kapelle errichtet. Über dem Hauptportal stehen die Statuen der Heiligen Hedwig und des Heiligen Karl Borromäus. Erweiterungsbauten erfolgten um 1900 sowie 1925 bis 1928.
Das „Lexikon Berlin Mitte“ (Stapp Verlag Berlin 2001) geht näher auf die Geschichte des Krankenhauses ein. Im Laufe seiner langen Geschichte kamen zu den Krankenstationen weitere Bereiche hinzu, so ein Kinderkrankenhaus an der Auguststraße, das im Ersten Weltkriegs in ein Lazarett und danach in eine Infektionsabteilung und 1938 in ein Altersheim für ehemalige Mitarbeiter des Hedwigskrankenhauses umgewandelt wurde. Im Haupthaus hat man um 1900 eine Operationsabteilung eingerichtet. Es erhielt 1926/27 ein viertes Geschoss und eine Vorhalle, in die man über eine neue Treppe gelangt. Über dem Eingangsportal sind die Skulpturen der Heiligen Hedwig, Patronin von Schlesien, als Namensgeberin und Karl Borromäus aufgestellt. Er war Erzbischof von Mailand und hat sich im Kampf gegen die Pest ausgezeichnet. 1928 wurde das Haus Große Hamburger Straße 2 gekauft und in ein Schwesternwohnheim, Schülerinnen-Internat und eine Medizinbibliothek umgewandelt. Hinzu kamen Wohnungen für Ärzte im Eckhaus Krausnickstraße.

Zahlreiche Um- und Neubauten
Im Zweiten Weltkrieg zwar beschädigt, war das Hedwigskrankenhaus längere Zeit das einzige funktionierendes Großkrankenhaus der Stadt. Seitdem erhielt es zahlreiche Um- und Neubauten wie ein Unterrichtsgebäude, einen modernen Operationstrakt mit Röntgenabteilung, Anästhesie, Intensivmedizin und Zentralsterilisation. Im begrünten Innenhof erinnert der 1996 geweihte Agatha-Brunnen an ein Gelübde des Pfarrers Unhold von 1943, eine Statue der heiligen Agatha zu errichten, wenn das Haus vor Kriegsschäden bewahrt bleibt. Agatha ist die Schutzheilige gegen Feuer und Blitzschlag.
An der Wand eines langen Flurs hängen Bild-Text-Tafeln, die über die Geschichte des Krankenhaus berichten. Immer wieder seien herausragende Mediziner gewonnen worden, von denen einige Medizingeschichte geschrieben haben. „Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren durch große Fortschritte in der Diagnose und Therapie von Krankheiten geprägt. Besonders die Bauchchirurgie, die Behandlung von Herzstoffwechsel-, Blut- und Gelenkkrankheiten haben zu bedeutenden Erfolgen im St. Hedwigskrankenhaus geführt.“ Die Gründung einer eigenständigen urologischen Abteilung, die als eine der größten und modernsten in Europa galt, sei wegweisend für die Entwicklung der Urologie in Deutschland gewesen. Durch den Bau eines Operationstrakt um 1900 sei es möglich geworden, weiträumige, den Ansprüchen der damaligen klinischen Medizin gemäße Operationsräume einzurichten. Neue Apparate und Methoden hätten schmerzlose Eingriffe unter hygienischeren Bedingungen als früher ermöglicht.

Konflikte mit dem Nazi-Regime
Nach dem Mauerbau 1961, so erfahren wir weiter, war das Krankenhaus Behinderungen und Repressalien durch das DDR-Regime ausgesetzt. Dank der großzügigen Unterstützung des Caritasverbandes der Bundesrepublik Deutschland aber entwickelte es sich zu einem der am besten ausgestatteten Krankenhäuser des Landes. Seit 1992 ist das Krankenhaus akademisches Lehrkrankenhaus der Charité. Insbesondere die Etablierung der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité wurde eine bundesweit einzigartige Kooperation von Versorgungskrankenhaus und Universitätsmedizin möglich.
In der Zeit der NS-Diktatur gerieten auch die Alexianer durch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 in Bedrängnis. Sie versuchten, die ihnen anvertrauten Patienten vor Sterilisation und den „Euthanasie“-Morden zu schützen, und hatten durchaus Erfolg. Der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, erfuhr von der Ermordung von Bewohnern des Alexianer-Krankenhauses Haus Kannen in Münster-Amelsbüren. Seine Predigt am 3. August 1941 und seine Strafanzeige gegen die Mörder in den weißen Kitteln trugen dazu bei, dass die Mordaktion zumindest im Deutschen Reich ausgesetzt wurde. In den besetzten Ländern wurde sie jedoch unter dem Codenamen T4 nach der Zentrale der Krankenmorde in der Berliner Tiergartenstraße 4 fortgeführt. In der Zeit des Nazi-Regimes wurde St. Hedwig Zufluchtsort für Verfolgte. Das Deportationslager an der Großen Hamburger Straße war nicht weit. Nachts konnte man die Schreie der Juden hören. Die Mitarbeiter von St. Hedwig nahmen sie unter falschen Namen auf und versteckten sie bei sich, anderen wurde Essen und saubere Wäsche gebracht. Ein Arzt diagnostizierte angeblich ansteckende Krankheiten bei jüdischen Häftlingen, die im Krankenhaus blieben und fliehen konnten.

Zufluchtsort auch in DDR-Zeiten
St. Hedwig blieb auch zu DDR-Zeiten Zufluchtsort. Vielen politisch unangepassten Jugendlichen und Ausreisewilligen, denen Arbeitsplätze verweigert wurden, fanden hier Ausbildung und Anstellung. Das Krankenhaus blieb wurde von der Caritas unterstützt, weshalb es modernste medizinische Technik aus dem Westen nutzte. Das wussten auch stramme SED-Funktionäre, die mit Religion nichts am „Hut“ hatten. Auch sie wurden gut und angemessen behandelt und versorgt, Nach der so genannten Wende 1989/90 hatte das in der Marktwirtschaft gelandete Krankenhaus mit ökonomischen Problemen zu kämpfen, bewältigte aber auch sie und erarbeite sich einen hervorragen Ruf vor allem in Bezug auf Urologie, Kardiologie und Innere Medizin. Die Alexianerbrüder gründeten sich als kirchliche Stiftung bürgerlichen Rechts. Unter dem Dach der Alexianer GmbH sind sämtliche Einrichtungen und Dienste der Alexianer in Deutschland zusammengefasst, also Krankenhäuser, medizinische Versorgungseinrichtungen sowie solche der Senioren-, Eingliederungs- und Jugendhilfe in fünf Bundesländern.
Die Ordensgemeinschaft der Alexianerbrüder, die das Hedwigskrankenhaus und weitere Einrichtungen betreibt, ist eine römisch-katholische Vereinigung, die sich vor allem der Krankenpflege verschrieben hat. Bescheiden waren die Anfänge des Krankenhauses in Berlin. Vier katholische Ordensschwestern kamen mit der Kutsche aus dem französischen Nancy in die preußische Hauptstadt, in der etwa 14.000 Katholiken lebten. Ihre Aufgabe war, kranken Menschen gleich welchen Standes und Glaubens zu helfen. Behandelt wurden Fälle von Tuberkulose, Krätze, Ruhr und andere Krankheiten. An König Friedrich Wilhelm IV. erging die Bitte, eine katholische Krankenanstalt zu genehmigen. Der mit einer katholischen Prinzessin aus Bayern verheiratete Monarch stimmte per Erlass vom 14. März 1844 dem Antrag zu.

Allen Bedrängnissen getrotzt
Wie kaum ein anderes Krankenhaus in Deutschland hat das St. Hedwigskrankenhaus oder, wie man verkürzt auch sagt St. Hedwig, allen Zeiten und Bedrängnissen getrotzt. Hier wurden Menschen aufgenommen und gleich welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts und Glaubens, gesellschaftlichen Stellung und politischer Überzeugung behandelt. Ärzte und Pfleger waren und sind stets dem Gebot der Nächstenliebe verpflichtet, das merkt man auch, wenn man sich hier in Behandlung begibt. Ihnen ist zu verdanken, dass das Krankenhaus die fachlichen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen zwar mit Blessuren, aber doch unbeschadet und einen „geraden Rücken“ überstanden, wie es in einer Festschrift zum 175jährigen Jubiläum des Krankenhauses heißt.
Zum 175jährigen Jubiläum (2019) schrieb Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einer Grußbotschaft: „Rund um das St. Hedwigskrankenhaus in Berlins historischer Mitte haben sich bedeutende Ereignisse der deutschen Geschichte zugetragen. Die in seinen Mauern gelebten Werte haben allen Stürmen der Zeit standgehalten: tätige Nächstenliebe und medizinische Professionalität. Denjenigen, die an der Verwirklichung dieser Werte mitwirken, danke ich herzlich für ihren Einsatz und wünsche allen, die im Zentrum Berlins schnelle und professionelle medizinische Hilfe benötigen, dass sie auch künftig in den Alexianer St. Hedwigs Kliniken Zuwendung und Heilung erfahren.“

1. Januar 2026