Die Welt lachte über Kassenräuber - Falscher Hauptmann überfiel vor 120 Jahren Rathaus in Köpenick und bewacht es heute

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass Berlin einem seiner berühmtesten Hochstapler, dem so genannten Hauptmann von Köpenick, ein Denkmal setzte. Als ehemaliger Zuchthäusler hatte Wilhelm Voigt kaum Aussicht, im kaiserlichen Deutschland ein normales Leben zu führen. Das von Spartak Babajan geschaffene und 1996 aufgestellte Bronzedenkmal am Eingang des Köpenicker Rathauses hat wenig mit der Jammergestalt des „echt-unechten“ Hauptmanns zu tun.

Die Polizeifotos zeigen Wilhelm Voigt als bejammernswerten alten Mann, bei dem man sich auch heute fragt, wie es ihm gelang, in die Rolle eines Hauptmanns der kaiserlichen Armee zu schlüpfen, Soldaten zu kommandieren und eine Stadtkasse zu plündern.

Der „Räuberhauptmann“ von Köpenick hielt Deutschland in Atem, und die Welt hielt sich den Bauch vor Lachen.

Da die Schlacht von Jena und Auerstedt von 1806 zwischen Preußen und Frankreich fast auf den Tag genau einhundert Jahre zurücklag, stellte man auch hier Vergleiche an. Ein Möchtegern-Hauptmann mit einer Handvoll Soldaten schafft es, den preußischen Staat und seine Gebrechen vorzuführen. 1806 brauchte Frankreich dafür eine ganze Armee.

Den Friedensnobelpreis erhielt Wilhelm Voigt zwar nicht, aber er erlangte für kurze Zeit eine wenn auch fragwürdige Berühmtheit. Seit Coup regte Schriftsteller, Filmemacher und Grafiker an; in Köpenick marschieren nachgemachte Hauptmänner in Festumzügen mit.
Foto/Repros: Caspar
Als am 16. Oktober 1906, vor fast 120 Jahren, der mit einer abgewetzten Hauptmannsuniform verkleidete ehemalige Schuster Wilhelm Voigt in Begleitung von ahnungslosen Soldaten das eben erst fertiggestellte Rathaus der damals noch selbstständigen Stadt Köpenick betrat, landete er einen Coup ohnegleichen. In Potsdam hatte sich der grauhaarige, gebeugt daher gehende Voigt bei einem Trödler im Holländischen Viertel eine abgetragene Hauptmannsuniform zugelegt, dazu einen Säbel und Sporen. Mit dieser Verkleidung hätte der frühere Schuster bei seiner Eisenbahnfahrt nach Berlin eigentlich auffallen müssen. Doch niemand wagte, einen Offizier, auch wenn er noch so eigenartig aussieht, scheel anzublicken und nach seinem Woher und Wohin zu fragen. Das half, dass der Räuberhauptmann Erfolg hatte, wenn auch nur für wenige Stunden.
Gerade aus dem Zuchthais gekommen, ließ sich Voigt vom völlig überrumpelten Bürgermeister Georg Langerhans das in der Stadtkasse befindliche Geld aushändigen. Doch der zweite und eigentliche Teil der Aktion, der Raub von Ausweispapieren, gelang nicht. Mit ihnen wollte sich Voigt eine Aufenthalts- und damit auch eine Arbeitserlaubnis verschaffen. Als die Polizei kam, um ihn zu verhaften, war der Hochstapler bereits verschwunden. Die große Suche begann, auf Voigt Ergreifung setzten die Behörden 2000 Mark aus. Als der Mann mit schiefer Nase, gebeugter Kopfhaltung und „so genannten O-Beinen“, wie es im Signalement hieß, geschnappt war, stritten sich die Tippgeber um die Belohnung. Voigt wurde in einem Sensationsprozess, wie man damals sagte, zu vier Jahren Haft verurteilt, doch schon zwei Jahre später nach einem kaiserlichen Gnadenerweis entlassen und war von nun an eine Attraktion auf Rummelplätzen und in Einkaufspassagen. Sein Schicksal rührte die Frauenwelt, und so blieben Heiratsanträge nicht aus.
Wo der Mensch erst beim Leutnant beginnt
Wilhelm Voigt, der wegen Diebstahl und Urkundenfälschung und versuchten Raubs einer Stadtkasse in der preußischen Provinz Posen schon mehrere Haftstrafen im Gefängnis beziehungsweise Zuchthais abgesessen hatte, wollte sich mit einem Trick in den Besitz von Geld und Ausweispapieren bringen, um sesshaft zu werden und eine Arbeit aufzunehmen. Im Zuchthaus hatte er sich autodidaktisch mit den Regeln, Befehlsketten und Uniformen vertraut gemacht, die im preußisch-deutschen Heer verbindlich waren. Er sah, dass der Mensch erst beim Leutnant beginnt. Das Thema war ständig in den Witzblättern und der „linken“ Presse präsent und wurde dort natürlich weidlich gegen das überall präsente Militär und den Untertanengeist ausgeschlachtet.
Wilhelm Voigt hatte bei einem Trödler im Potsdamer Holländischen Viertel eine zerschlissene Hauptmannsuniform vom vornehmen Potsdamer Garderegiment gekauft, dazu einen Säbel und Sporen. Mit dieser Verkleidung hätte er bei seiner Fahrt nach Berlin eigentlich auffallen müssen. Doch wer wagte es schon, einen Offizier scheel anzublicken und nach seinem Woher und Wohin zu fragen, auch wenn er ziemlich verkommen daher kam. Irgendwie gelangte er in die Militärschwimmanstalt in Plötzensee, deren Wachkommando sich gerade bereit machte, nach Berlin abzurücken. Voigt ließ die Soldaten stramm stehen und befahl ihnen mit Hinweis auf eine „allerhöchste Anordnung Seiner Majestät des Kaisers“, ihm nach Köpenick zu folgen. Ein Uniformträger und dann noch die Erwähnung des obersten Kriegsherren, wer hätte da noch nach einer Vollmacht gefragt? Niemand nahm Anstoß an dem seltsame Aufzug des fremden Offiziers, der so wunderbar korrekt kommandieren konnte.
Beute betrug nur 4000 Mark
An der Neuen Wache Unter den Linden in Berlin schnappte sich der falsche Hauptmann echte Wachsoldaten und befahl ihnen, mit ihm nach Köpenick zu kommen. Im Rathaus angekommen, ließ er sich von den überrumpelten Beamten die Stadtkasse aushändigen. Doch waren nicht die erhofften zwei Millionen, sondern nur rund 4000 Mark darin. Ihren Empfang quittierte Voigt mit der Unterschrift „Hauptmann im 1. Garderegiment v. Malsam“ , um dann schleunigst zu verschwinden. Der blamierte Bürgermeister versteckte sich vor der vor Lachen brüllenden Öffentlichkeit und behauptete, die Tat gleich als die eines Geisteskranken durchschaut und nur deshalb stillgehalten zu haben, um Blutvergießen zu vermeiden.
Der peinliche Vorgang, für den der Begriff Köpenickiade erfunden wurde, enthüllte ein Charakteristikum der Kaiserzeit, in der das Militär über alles gestellt wurde. Verlangt wurde unbedingter Glaube an die Macht der Uniform und strikte Erfüllung von Befehlen der Vorgesetzten. Der Hochstapler hatte auf unnachahmliche Weise den militaristischen Geist der Kaiserzeit entlarvt. Das Satireblatt „Simplicissimus“ schlug vor, ihn mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen, „weil es ihm auf so unnachahmliche Weise gelungen ist, den Militarismus lächerlich zu machen“. Sogar Kaiser Wilhelm II. soll sich auf die Schenkel geschlagen haben, als er von dem frechen Überfall auf den Bürgermeister der damals noch selbständigen Stadt Köpenick und die Stadtkasse hörte. Dem kurzzeitig festgesetzten Beamten und seinen Untergebenen indes blieb das Lachen im Halse stecken, denn sie waren auf einen falschen Offizier reingefallen, ohne seine Identität zu überprüfen.
Wilhelm Voigt schlug sich nach seiner Amnestie, von der Polizei misstrauisch beobachtet, mit Auftritten auf Jahrmärkten und Tingeltangel-Tourneen durchs Leben, bei denen er immer wieder von seinem Abenteuer in Köpenick schwadronierte. Mit Postkarten, die er mit „H. v. K.“ unterzeichnete, verdiente er ein bisschen Geld. Der Überwachung überdrüssig, siedelte er ins Großherzogtum Luxemburg über, wo der 73-jährige 1922, von der deutschen Öffentlichkeit kaum beachtet, starb. Heinz Rühmann hat in der Verfilmung von 1956 eines Theaterstücks von Carl Zuckmayer die Schwierigkeiten, einen Pass und damit eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, auf unnachahmliche, zu Herzen gehende Weise dargestellt.
19. Januar 2026