Neues Umfeld für das Lutherdenkmal - Öde Fläche nahe der Marienkirche in Berlin-Mitte wird umgestaltet

Der prämiierte Gestaltungsentwurf wird die Lutherfigur aufwerten und ihre kunst- und stadtgeschichtliche Bedeutung auf dem ehemaligen Neuen Markt neben der Marienkirche betonen.

Bei der angekündigten Restaurierung werden auch beschädigte Stellen wie hier ein Einschussloch am rechten Schuh geschlossen.

So sah das Berliner Lutherdenkmal um 1900 aus. Übrig blieb nur die Figur des Reformators aus Bronze.

Johann Gottfried Schadows 1821 in Wittenberg enthülltes Lutherdenkmal fand im 19. und 20. Jahrhundert noch manche Nachfolger. Die von Rudolf Siemering für Eisleben und von Adolf von Donndorf für Eisenach geschaffene Monumente stammen aus den Jahren 1883 Jahr und 1895.
Fotos/Repro: Caspar
Das Lutherdenkmal in der Nähe der Berliner Marienkirche soll gestalterisch aufgewertet werden. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen hat für den Bezirk Mitte ein europaweites Verhandlungsverfahren abgeschlossen. Aus ihm ging der Entwurf des Planungsbüros BASD – Gerhard Schlotter und Claudia Kruschel-Bücker Architekten - in Zusammenarbeit mit den Künstlern Maria Vill und David Mannstein siegreich hervor. Das Planungsbüro verfügt über langjährige Erfahrungen bei der Sanierung von Denkmalen und legt nun einen als behutsam bezeichneten Entwurf für die Neugestaltung des an der Karl-Liebknecht-Straße auf einer öden Fläche wenig wirkungsvoll aufgestellten Bronzemonuments und seiner Umgebung vor. Der Entwurf sieht einen erhöhten Natursteinsockel, eine umlaufenden Sitzbank und eine Informationsstele vor, die über die wechselvolle Geschichte der Anlage berichtet. Die Grün Berlin GmbH wird das Lutherdenkmal im Rahmen der schon begonnenen Neugestaltung des Rathausforums und Marx-Engels-Forums realisieren.
Verbesserte Aufenthaltsqualität
Die Aufwertung des Lutherdenkmals ist Teil der Städtebaufördermaßnahme „Berliner Mitte“, die der Senat im August 2025 in das Städtebauförderprogramm „Lebendige Zentren und Quartiere“ aufgenommen hat. Insgesamt stehen bis zu 1,5 Millionen Euro für das Lutherdenkmal und 2,4 Millionen Euro für die Gestaltung des Umfelds inklusive Baumpflanzungen bereit. Ziel ist es, das irgendwie wie verloren am Straßenrand stehende Denkmal besser sichtbar zu machen und die Aufenthaltsqualität an diesem Ort zu verbessern.
Das Lutherdenkmal von 1895 auf dem Neuen Markt an der Marienkirche verband den Reformator mit mehreren Begleitfiguren und stand auf einem Sockel mit Treppenstufen. Die Ausführung in Bronze erhöhte die repräsentative Wirkung. Die Assistenzfiguren fielen während des Zweiten Weltkriegs ähnlich wie andere Monumente sowie Kirchenglocken aus Bronze der Rüstungsindustrie zum Opfer.
Ende Oktober 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, wurde an der Marienkirche, nicht weit vom Fernsehturm entfernt, die Bronzefigur Martin Luthers aufgestellt. Die Rückführung der Bronzeplastik vom Verbannungsort Stephanusstiftung in Weißensee in die Mitte der Stadt rückte ein wichtiges Werk der Bildhauerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts wieder ins öffentliche Bewusstsein. Während anderswo Martin Luther schon auf Denkmalssockeln stand - so in Dresden, Eisenach, Eisleben, Wittenberg und Worms -, ließ man sich preußischen, ab 1871 deutschen Hauptstadt, einem Hort des Protestantismus, viel Zeit, dem Reformator ebenfalls ein Erinnerungsmal zu setzen.
Paul Otto bekam den Auftrag
Nachdem 1885 ein „Comité für die Errichtung eines Luther-Denkmals in Berlin“ zusammengetreten war, bekam der Plan langsam Konturen. Preisträger eines künstlerischen Wettbewerbs war der in Rom lebende Paul Otto, dem wir auch das Denkmal Wilhelm von Humboldts (1886) vor der Universität verdanken. Für den Bildhauer war offensichtlich das von Ernst Rietschel für Worms geschaffene mehrfigurige Lutherdenkmal vorbildlich, eine Anlage, die zwischen 1858 und 1868 entstand. Nach Ottos Tod im Jahre 1893 vollendete sein Berliner Kollege Robert Toberentz das Berliner Lutherdenkmal, das am 11. Juni 1895 mit großem zeremoniellem Gepränge auf dem Neuen Markt an der Kaiser-Wilhelm-Straße, der heutigen Karl-Liebknecht-Straße, enthüllt wurde. Paul Otto stand für sein Lutherdenkmal reiches Porträtmaterial des 16.Jahrhunderts zur Verfügung. So war er nicht auf Vermutungen und phantasievolle Ausschmückungen angewiesen.
Wie das Monument ursprünglich ausgesehen hat, ist heute nur noch schwer nachzuvollziehen. In einer Beschreibung von 1905 heißt es: „Zu der von einer Balustrade umgebenden Plattform steigt man auf zehn Stufen empor. Aus der Mitte der zahlreichen, in charakteristischen Stellungen den Sockel umgebenden Gestalten, die Gehilfen Dr. Martin Luthers darstellend, erhebt sich die hochragende Gestalt des kühnen Reformators. In der Linken die aufgeschlagene Bibel haltend, mit der Rechten, voll heiliger Überzeugung auf die Schrift weisend“.
Ehrung für treue Mitstreiter
Nach Ottos Konzeption fanden zu Luthers Füßen treue Mitstreiter Platz. Philipp Melanchthon, Luthers engster Mitstreiter in Wittenberg, und Johannes Bugenhagen, der Reformator von Pommern, stehen ihm zur Seite. An der vorderen linken Ecke des Granitsockels sah man Justus Jonas und Caspar Cruciger, Luthers Gehilfen bei der Bibelübersetzung, und an der rechten Ecke Johannes Reuchlin und Georg Spalatin. Um das Werk zu krönen, nahmen zwei weitere Persönlichkeiten der Lutherzeit Aufstellung - Franz von Sickingen, der kampfentschlossen ein Schwert über das Knie gelegt hat, und Ulrich von Hutten, der als Humanist und Dichter sein Wort für die geistige Wende erhob. Diese von Robert Toberentz geschaffenen Figuren wurden von der zeitgenössischen Kritik als bemerkenswert in ihrer kraftvollen Bewegung und scharfen Charakteristik gelobt.
Martin Luther war schon zu Lebzeiten eine Legende. Sein Konterfei wurde auf zahlreichen Holzschnitten und Kupferstichen verbreitet, sogar auf Altarbildern hat man ihn verewigt. Kaum zu überschauen ist die Zahl der Münzen und Medaillen mit dem Bildnis des Mannes, der wie kein anderer die religiösen und geistigen Grundfesten seiner Zeit erschüttert und außerdem durch die Bibelübersetzung für die Entwicklung der deutschen Sprache außerordentlich viel geleistet hat.
Ansehnliche Denkmäler und sonderbare Ehrenzeichen
Obwohl Luther ein populärer Mann war und in jenen Ländern geradezu kultisch verehrt wurde, die sich zum Protestantismus bekannten, dauerte es drei Jahrhunderte, bis unter freiem Himmel ein ihm gewidmetes Denkmal aufgestellt werden konnte. Zwar hatte 1739 der Leipziger Schriftsteller Johann Christoph Gottsched anlässlich des 100. Todestages seines Dichterkollegen Martin Opitz gefordert, man möge die „Verdienste großer Männer, die ihrem Vaterlande wichtige Vortheile verschaffet, ihren Mitbürgern viel Ehre gemachet, durch ansehnliche Denkmäler und sonderbare Ehrenzeichen dem Andenken der Nachwelt empfehlen“. Doch blieben solche Monumente zunächst Monarchen und Feldherren vorbehalten.
Im Zuge der Aufklärung und angesichts der Erschütterungen, die die französische Revolution von 1789 dem Feudalsystem beibrachte, wurden verdienstvolle Persönlichkeiten bürgerlicher Herkunft und Profession, also auf Gelehrte, Geistliche, Politiker und Künstler, in das ehrende und eherne Gedächtnis einbezogen. Den Anfang mit einem öffentlichen Lutherdenkmal machte Wittenberg, die langjährige Wirkungsstätte des Reformators.
Nicht in Mansfeld, sondern in Wittenberg
Nach dem Wiener Kongress (1815) waren große Teile des katholisch regierten Königreichs Sachsen, das mit den Franzosen zu den Verlierern der Völkerschlacht bei Leipzig von 1813 gehörte, an Preußen gefallen. Dessen Herrscherhaus, die Hohenzollern, hatte sich 1539 zu Luthers Lehre bekannt. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, der 1815 in den Besitz der Kernlande des Lutheranertums gekommen war, fühlte sich verpflichtet, Luthers Erbe zu pflegen und zu bewahren. Er erteilte dem Berliner Bildhauer Johann Gottfried Schadow den Auftrag für ein Standbild in Wittenberg. Gedacht war an „eine kolossale Bildsäule Luthers von Bronze, die Bibel in der linken Hand, auf einem viereckigen, mit angemessenen architektonischen Verzierungen versehenen Fußgestell von rotem Granit auf dem Markt zu Wittenberg“.
Friedrich Wilhelm III. von Preußen entschied, dass das Denkmal nicht in Mansfeld, wo es ursprünglich stehen sollte und für das man auch schon Geld gesammelt hatte, oder in Luthers Geburts- und Sterbestadt Eisleben, sondern im nunmehr preußischen Wittenberg aufgestellt werden soll, wo der Reformator lange gelebt hat und auch bestattet wurde. Der Grundstein wurde vom Landesherrn im Beisein der königlichen Familie und des Hofes am 1. November 1817 anlässlich der Dreihundertjahrfeier des Thesenanschlags an die Wittenberger Schlosskirche gelegt. Am Reformationstag 1821 konnte das auf hohem Granitsockel stehende Monument samt Baldachin bei Trompeten- und Paukenschall enthüllt werden. „Abends war die Stadt erleuchtet, das Denkmal mit flammenden Pechpfannen umstellt“, notierte der Bildhauer.
In Rom, dem Zentrum der katholischen Welt,
dauerte es mehr als fünfhundert Jahre, bis man sich entschloss, einen Platz nach dem Reformator zu benennen.
Er ist landschaftlich schön gelegen, doch das Namensschild ist bescheiden und inzwischen wenig ansehnlich geworden. Klick
10. Juli 2026