Aus für's Gästehaus - Bundesregierung zieht sich aus dem Barockschloss Meseberg zurück

Das Schloss Meseberg bot ein jammervolles Bild, bis sich die Bundesregierung in den 1990er Jahren seiner annahm und es in ihr Gästehaus und Tagungsort umbauen ließ.

Mehrere Jahre hermetisch von der Öffentlichkeit abgeschirmt, bekommen Schloss und Park ab 2027 neue Aufgaben. Das Foto stammt aus dem Jahr 2004.

Im Festsaal blieben kostbare Deckenmalereien im Stil des späten Barock erhalten. Die drei Ringe aus „Nathan der Weise“ erinnern an Gotthold Ephraim Lessing.

Prinz Heinrich von Preußen hielt mit seinem nach Meseberg abgeschobenen Geliebten Christian Ludwig von Kaphengst der Missbilligung durch Friedrich II. zum Trotz Verbindung. Der Major entwickelte dort auf seine Kosten großen Luxus.

Zwischen Rheinsberg und Meseberg wurde viel gereist, aber irgendwann war die vom König missbilligte Beziehung zu Kaphengst dem alternden Heinrich zu viel. Die Grafik zeigt das Schloss, wie es im 18. Jahrhundert ausgesehen hat.
Fotos/Repros: Caspar
In seiner über 250jährigen Geschichte hat das Schloss Meseberg schon viele Bewohner gehabt – adlige Familien, reiche Unternehmer, Flüchtlinge. Nach umfassender Sanierung zog die Bundesregierung ein und nutzte mehrere Jahre das weiß gestrichene, von Dach bis Keller sanierte und restaurierte Schloss als Gästehaus und Ort von hochrangigen Tagungen. Gekrönte Häupter und Präsidenten zogen sich in den kleinen Ort im Kreis Oberhavel zurück, und das hatte protokollarische und sicherheitstechnische Folgen. Die dörfliche Beschaulichkeit war dahin, wenn Staatsbesucher samt Gefolge das Schloss als Residenz nutzten. Das brachte „Leben in die Bude“, wie man vor Ort hört. Zudem wurde die Straße zur B 96 erneuert, und es gab einen Fernwärmeanschluss. Kurzum – für Meseberg und den Landkreis war die Nutzung des Schlosses ein Glücksfall, an den vor Jahren nicht zu denken war.
Ruppiger Umgang mit Folgen
In DDR-Zeiten und noch ein paar Jahre nach der Wiedervereinigung bot das ehemals prächtig ausgestattete Schloss Meseberg ein Bild des Jammers. Nach dem Krieg waren Flüchtlinge im Schloss untergebracht. Der ruppige Umgang mit Schloss und Park zeigte Folgen. Wasserschäden blieben nicht aus, zerschlagene Fenster, abfallender Putz. Die hochherrschaftlichen Räume mit ihren kostbaren Decken- und Wandmalereien wurden zeitweilig, wie damals in solchen Fällen üblich, als Gemeindeverwaltung, Dorfkonsum und Kindergarten genutzt. Nach dem Ende der DDR hieß es, dass der stark vernachlässigte, aber immerhin nicht wie viele andere Herrenhäuser im deutschen Osten zerstörte Bau von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften als Tagungsstätte und Gästehaus verwendet werden soll. Das war illusorisch, denn die Gelehrtenvereinigung hatte nicht die Mittel, das herunter gekommene Schloss von Dach bis Keller zu sanieren.
Ein anderer, weitaus potenterer Investor fand sich in Gestalt der in München ansässigen Messerschmitt Stiftung. Sie hatte sich gleich nach 1990 in den neuen Bundesländern und speziell in Brandenburg mit namhaften Summen für die Restaurierung gefährdeter Bau- und Kunstdenkmäler eingesetzt. Bekanntes Beispiel für dieses Engagement ist das Belvedere auf dem Klausberg im Park Sanssouci. Die turmartige und mit vielen Figuren geschmückte Kriegsruine wurde nach allen Regeln der Denkmalpflege saniert und zeigt sich als Juwel spätbarocker Schlossbaukunst unter Friedrich II., dem Großen.
Wiedergeburt als Gästehaus
Seine Wiedergeburt erlebte auch das Schloss Meseberg. „In den 1990er Jahren sprach ich mit dem damaligen brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe über die Idee, hier ein Gästehaus einzurichten, jetzt sind wir fast am Ziel“, sagte damals Hans Heinrich von Srbik, der die Messerschmitt Stiftung leitet und das Schloss der Bundesregierung für einen symbolischen Mietpreis von einem Euro überließ. Die Planung und Überwachung der mit dem Denkmalschutz abgestimmten Baumaßnahmen hatte der Berliner Architekt Ulli Böhme inne. Er hat mit solchen Projekten Erfahrung, standen doch auch Wiederaufbau und Restaurierung des Belvederes im Park von Sanssouci unter seiner Regie (Foto siehe Eintrag vom 9. Februar 2026). Da es sich beim Schloss Meseberg wegen der hochrangigen Gäste um einen Sicherheitsbereich handelt, wurde es mit neuester Überwachungstechnik ausgestattet. Die Anlage wurde eingezäunt und streng bewacht, ein Herankommen ohne Genehmigung war nicht möglich. Ab und zu sah man im Fernsehen, wenn Politiker vor und hinter dem Schloss Interviews gaben oder im Tagungssaal zu Gesprächsrunden zusammen kamen.
„Ausgespuckt wie alter Kaugummi“
Diese Bilder wird es nicht mehr geben, denn die Bundesregierung beendet die Nutzung von Schloss Meseberg als offizielles Gästehaus. Mit der Messerschmitt-Stiftung als Eigentümerin wurde vereinbart, den Mietvertrag ab Februar 2027 auslaufen zu lassen. Als Hauptgründe werden die stark zurückgegangene Nutzung als Tagungsort sowie die als problematisch angesehene Entfernung von rund 70 Kilometern zum Berliner Regierungsviertel genannt. Stiftungschef Hans Heinrich von Srbik ist empört. „Ich empfinde das als Beleidigung, sie spucken uns aus wie alten Kaugummi. Das ist ein Tiefschlag für die Bayerische Messerschmitt-Stiftung, ein Imageschaden für Brandenburg und die Region“, sagt Srbik. Vielleicht tröstet er sich, dass nach einigen Jahren hermetischer Abschottung künftig Schloss und Park Meseberg für das „gemeine Volk“, wie man früher sagte, geöffnet und als großartiges Raumkunstwerk wieder erlebbar wird. Diese Nutzung wird auch der Gemeinde Meseberg neue Gäste bescheren, und so ist kaum zu erwarten, dass sie nach dem Auszug der Bundesregierung in einen Dornröschenschlaf verfällt.
Prominentester Bewohner von Schloss Meseberg war im 18. Jahrhundert der preußische Major Christoph Ludwig von Kaphengst, ein stattlicher Mann, der zeitweilig am Hof des Prinzen Heinrich von Preußen in Rheinsberg viel zu sagen hatte. Kaphengst diente beim Prinzen Heinrich, dem Herren von Schloss und Park Rheinsberg, als Adjutant. Wie der Prinz, so war auch dessen älterer Bruder, König Friedrich II., der Große, der damals noch nicht verbotenen „Männerliebe“ verfallen. Theodor Fontane vermutet in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ (Kapitel Grafschaft Ruppin), dass der Prinz seinen Geliebten während der Siebenjährigen Krieges (1756-1763) kennengelernt hat. Er habe Gefallen an seiner Jugend und Schönheit gefunden und ihn nach erfolgreichem Friedensschluss (1763) nach Rheinsberg genommen. „Als Adjutant des Prinzen, eine Stellung, zu der ihn seine geistigen Gaben keineswegs befähigten, stieg er zum Capitain und bald danach zum Major auf und beherrschte nun den Hof und den Prinzen selbst, dessen Gunstbezeugungen ihn übermütig machten.“ Der König, der in seiner Sanssouci-Einsamkeit von allem unterrichtet war, missbilligte die Vorgänge in Rheinsberg und verlangte, dem Verhältnis „à toux prix“ (um jeden Preis, H. C.) ein Ende zu machen 1774 überbrachte ein Page des Königs dem Prinzen Heinrich ein Geschenk von 10.000 Friedrichsdor (etwa 50 000 Taler) mit der Ordre, er möge den Major von Kaphengst entlassen.
Wahnsinnigste Verschwendungssucht
Der Prinz, der unter der Ungebildetheit und Eitelkeit seines Geliebten gelitten haben mochte, wie Fontane weiter schreibt, gehorchte dem Befehl, und er habe es umso lieber getan, „als die Entlassung Kaphengsts dem bestehenden Verhältnis nur die Last und Peinlichkeit eines unausgesetzten Verkehrs nahm, ohne das Verhältnis selbst absolut zu lösen.“ Der Prinz legte zu den 10.000 Friedrichsdor seines Bruders ungefähr dieselbe Summe hinzu. Von den 100 000 Talern konnte eine nicht weit von Rheinsberg entfernte Herrschaft rund um Meseberg gekauft und dem Major als Geschenk überreicht werden. Prinz und Major pflegten ihr „unschickliches Verhältnis“ weiter, wie man sagte, und der in Sanssouci lebende und gleichen „Neigungen“ verfallene König konnte dagegen nur wenig unternehmen. Das gute Verhältnis zwischen dm Prinzen und dem Major habe aus den zeitweiligen Trennungen „neue Nahrung“ gezogen, stellt Fontane fest.
Dass Kaphengst beim Ausbau und Einrichtung seines neuen Besitzes „wahnsinnigste Verschwendungssucht“ walten ließ, wie Fontane bemerkt, und sich in immense Schulden stürzte, ist heute nicht mehr zu sehen, denn die alte Ausstattung des Schlosses ist verschwunden. Wie aus dem Buch zur Ausstellung von 2002 in Rheinsberg anlässlich des 200. Todestages des Prinzen Heinrich, herausgegeben von der Preußischen Schlösserstiftung, hervorgeht, wurde Meseberg gleichsam zu einer Dependance von Rheinsberg, was zur Ausweitung der Lustbarkeiten und zu ständig wechselnden Besuchen führte.
Fürstlicher Lebensstil auf Heinrichs Kosten
Christian Ludwig von Kaphengst liebte es fürstlich, und er tat es auf Kosten des Prinzen Heinrich. Er legte sich einen Marstall mit prächtigen Pferden und Kutschen zu und lebte auf großem Fuße. Irgendwann verlor der Prinz sein Interesse an seinem Günstling, und so versiegten auch dessen Geldquellen. Der Schlossherr von Meseberg stand vor einem finanziellen Scherbenhaufen und flüchtete sich in die Ehe mit einer Hofdame, mit der er vier Kinder bekam. Dem zu ungewohnter Bescheidenheit verurteilten Paar blieb nicht mehr viel. Nach Kaphengsts Tod im Jahre 1800 und etlichen Besitzerwechseln zogen im späten 19. Jahrhundert Nachfahren von Gotthold Ephraim Lessing ein. Carl Robert Lessing, der Herausgeber und Miteigentümer der „Vossischen Zeitung“ und Kunstfreund, verhalf dem Anwesen zu neuem Glanz. Die drei an eine Saaldecke gemalten Ringe aus „Nathan der Weise“ erinnern an den berühmten Dichter, der längere Zeit in Berlin als Zeitgenosse des Königs Friedrich II und des Prinzen Heinrich gelebt hatte
20. Februar 2026