Grabungen am Molkenmarkt - Relikte historischer Bebauung werden in Neugestaltung des Wohnviertels einbezogen

Das Grabungsfeld am Molkenmarkt gibt nach und nach seine Geheimnisse preis und erzählt Dinge, die weder in Chroniken noch Urkunden notiert wurden.

Zu sehen sind in einem nicht öffentlichen Bereich Gegenstände, die bei den Grabungen auf dem Petriplatz gefunden wurden, vor allem solche aus verrostetem Metall sowie Glas und Keramik.
  
Was einst verloren ging oder weggeworfen wurde, interessiert heutige Archäologen brennend. Mit Spaten, Spachtel und Pinsel legen sie Schicht für Schicht vergangenes Leben frei. Beispiele für solche Funde zeigt das PETRI Berlin. Hier ist zu sehen, wie im Mittelalter Straßen gepflastert wurden und Stuckreste aus der ehemaligen Pettrikirche.

Eine Schautafel an der Holzwand, die die Grabungen auf dem Petriplatz abschirmt, wirbt für den Besuch, eine weitere informiert über die Geschichte des Petriviertels.
Fotos: Caspar
Seit 2019 sichern am Molkenmarkt Archäologen des Landesdenkmalamtes Berlin historische Spuren. Die Öffnung des Bodens nicht weit vom U-Bahnhof Klosterstraße und Alexanderplatz erfolgt im Zusammenhang mit der Neubebauung des im Zweiten Weltkrieg zerstörten und danach abgetragenen Areals. Die Wohn- und Geschäftshäuser werden analog zur alten Bebauung errichtet. Hochhäuser sind tabu. Auf mehreren tausend Quadratmetern kommt nach und nach ein Stück Stadtgeschichte ans Tageslicht; Berliner Stadtgeschichte wurde und wird Schicht für Schicht freigelegt. Um Urbanität und Zukunftsfähigkeit herzustellen, ist eine kleinteilige Parzellenstruktur für den Bau von Stadt- bzw. kleineren Bürgerhäusern vorgesehen.
Die ältesten Spuren sind 800 Jahre alt, doch muss für die Neubauten ein Großteil der baulichen Hinterlassenschaften weichen. Sie werden aber fachgerecht dokumentiert und an einzelnen Stellen in das neue Quartier integriert. Unter der Fundstücken befinden neben der „unterirdischen“ Stadt des 18., 19. und 20. Jahrhunderts ein bis zu sieben Meter breiter und 50 Meter langer Bohlendamm (um 1230), mehr als hundert Brunnen und Latrinen (13.–18. Jahrhundert), ferner mittelalterliche Keller- bzw. Hausreste aus Holz, Lehmkuppelöfen und Schmieden sowie mehrere parallel zueinander verlaufende Gräben aus dem 13. Jahrhundert. Darüber hinaus konnten urgeschichtliche, vor allem steinzeitliche Bereiche erfasst werden. Gefunden wurden auch Luftschutzanlagen und Reste von einem der ältesten Elektrizitätswerke Deutschlands.
Ungewöhnlich großes Kellergewölbe
Neueste Funde betreffen ein Gewölbe aus Stein, das möglicherweise als Kauf- und Handelskeller genutzt wurde und zu einem bislang unbekannten, großen und repräsentativen Bauwerk des späten Mittelalters gehörte. Bemerkenswert ist nach Aussagen der Archäologen die exponierte Lage des Gebäudes unweit des mittelalterlichen Rathauses und des Hohen Hauses, das als Sitz der askanischen Markgrafen genutzt wurde. Das gut erhaltene Gemäuer ist inzwischen zugeschüttet, um es vor Umwelteinflüssen und Souvenirjägern zu schützen. Ob es später in das Neubaugebiet einbezogen und sichtbar gemacht wird, muss der Senat noch entscheiden. Wünschenswert wäre es. Vorbilder gibt es beim Archäologiemuseum PETRI Berlin auf dem Petriplatz, einige hundert Meter vom Molkenmarkt entfernt.
Projektleiter Eberhard Völker findet die Größe von Berlins ältestem Kellerraum aus dem 14. beziehungsweise frühen 15. Jahrhundert ungewöhnlich. „Mit mindestens 8,50 Metern Länge und fast 7,50 Metern Breite übertrifft er übliche Kellergrößen dieser Zeit. Die imposanten Fundamente und Kellermauern aus großen Feldsteinen und großformatigen Ziegeln sind bis zu 2,30 Meter hoch erhalten geblieben. Reste von Licht- und Lüftungsöffnungen sowie Verwahr- und Lichtnischen ergänzen das eindrucksvolle Ensemble. Dieses war über einen Kellerboden aus gestampftem Lehm gut erreichbar. Vermutlich besaß der Keller eine Balkendecke, die bereits im 16. Jahrhundert durch ein Tonnengewölbe ersetzt wurde.“ In den folgenden Jahrhunderten seien weitere Aus- und Umbauten erfolgt. „In seinen Grundzügen blieb das außergewöhnliche Bauwerk bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erhalten. Der nach 1945 erfolgte Abriss der Wohn- und Geschäftsbauten sowie die Verfüllung und Versiegelung des Areals haben die außergewöhnlich guten Erhaltung des Kellers begünstigt“.
Traue keiner Grünfläche
Christoph Rauhut, Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin, stellt fest: „Der freigelegte Steinkeller ist ein außergewöhnlicher Fund von großer Bedeutung für die Berliner Stadtgeschichte. Aufgrund seines guten Erhaltungszustandes eignet er sich in besonderer Weise, als archäologisches Fenster dauerhaft sichtbar und erlebbar gemacht zu werden. Diesen Vorschlag werden wir in den weiteren Planungsprozess einbringen“. Unmittelbar angrenzend an das Gebäude wurde ein mittelalterliches Feldsteinpflaster freigelegt.
„Traue keiner Grünfläche“, es könnten alte Wohngebäude, Keller oder Gräber darunter liegen, hat schon vor vielen Jahren der bekannte Feuilletonist Heinz Knobloch mit Blick auf zugeschüttete Reste von Wohn- und Geschäftsbauten gefordert. Als vor über zehn Jahren die dicke Asphaltschicht auf dem ehemaligen Petriplatz abgetragen und weggefahren wurde, gerieten die Archäologen vom Landesdenkmalamt in helles Entzücken. Denn sie gruben die Reste der mittelalterlichen und neuzeitlichen Bebauung und einen Friedhof aus, der bis zum frühen 18. Jahrhundert belegt wurde. Der mehrere Fußballfelder großen Raum ist die Wiege Berlins und existierte lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung der Stadt in einer Urkunde von 1237.
Fundstücke aus Keramik, Glas und Metall
Das vor einem Jahr eröffnet Archäologie-Lab PETRI Berlin lädt in einem neuen Haus auf dem Petriplatz zu einer Reise in die Berliner Geschichte ein. Das Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin und das Landesdenkmalamt Berlin zeigen, was am Geburtsort der Stadt ans Tageslicht kam und wie ihr Untergrund aussieht. Wer möchte, kann Archäologen, Denkmalpflegern und Restauratoren über die Schulter schauen und erleben, wie sie mittelalterliche Fundstücke aus Keramik, Glas und Metall, aber auch mächtige Steinmauern und Straßenpflaster zu neuem Leben erwecken. Deutlich wird, dass die Doppelstadt Berlin-Cölln deutlich älter ist als es die Ersterwähnung auf einer Urkunde von 1237 glauben macht. Die Stadtjubiläen von 1937 und 1987 hätten, genau genommen, nicht gefeiert werden dürfen. Doch waren damals kritische Fragen nicht erwünscht.
13. Juni 2026