Herr über schweigsame Berlinerinnen - Nach langer Zeit des Wartens wird der Neptunbrunnen gegenüber dem Roten Rathaus restauriert



Der Berliner Neptunbrunnen erhielt nach dem Zweiten Weltkrieg einen neuen Standort zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche und hat sich zu einem beliebten Treffpunkt und Fotomotiv entwickelt.

  

Aktuell ist das Berliner Wahrzeichen eingehaust, durch Löcher in der Bretterwand aber kann man die Brunnenfiguren sehen und fotografieren. Das populäre Kunstwerk bleibt wo es ist, und wenn man sich ein wenig Zeit nimmt, kann man durch Lücken im Zaun den Restauratoren bei der Arbeit zuschauen.



Wenn alles gut geht, sprudelt das Berliner Wahrzeichen wieder in einem Jahr.



Die im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldt Forum vor einigen Jahren erörterte Frage, ob es nicht sinnvoll sei, den Neptunbrunnen wie zu Kaisers Zeiten wieder näher an das Schloss zu verlagern, ist vom Tisch.

Fotos/Repro: Caspar

Berlin besaß schon vor Jahrhunderten
Brunnen meist auf öffentlichen Plätzen. Zu nennen sind der Lustgarten und der Opernplatz, aber auch der Pariser Platz und der Schlossplatz. Bis zum Bau von stabilen Wasserleitungen dienten die über die ganze Stadt verteilten und mit Spreewasser gespeisten Brunnen der Versorgung der Bevölkerung, aber auch zur Zierde der Stadt. Hinzu kamen an vielen Straßenecken aufgestellte Pumpen aus Gusseisen, von denen nur noch wenige existieren. Im 19. Jahrhundert ging man dazu über, riesige Wassertürme zu errichten, aus denen die umliegenden Haushalte und Betriebe versorgt wurden. Außerdem entstanden am Stadtrand großartig gestaltete Wasserwerke. Solche Ensembles aus mittelalterlich anmutenden Pumpstationen sind unter anderem in der Nähe des Müggelsees in Friedrichshagen und an der Landsberger Allee erhalten und voll funktionstüchtig.

Dicke Salz- und Schmutzkrusten
Jetzt hat die Restaurierung des neobarocken Neptunbrunnens gegenüber dem Roten Rathaus unweit des Berliner Alexanderplatzes begonnen. Sie war schon lange im Gespräch. Vor Jahren gab es das Angebot der Firma Wall, die Arbeit zu finanzieren. Aber nichts ist geschehen, und so konnten sich bis heute dicke Salz- und Schmutzkrusten auf den Bronzefiguren absetzen. Das Werk des am kaiserlichen Hof hoch angesehenen Bildhauers Reinhold Begas wird Stück für Stück gereinigt und konserviert, genauso, wie es vor langer Zeit mit dem Reiterdenkmal des Alten Fritzen Unter den Linden geschehen ist. Der Neptunbrunnen ist ein Geschenk der Stadt Berlin aus dem Jahr 1891 an Kaiser Wilhelm II., der sich ein paar Jahre später mit der marmornen Siegesallee als opulent drapierte Via triumphalis seiner fürstlichen Vorfahren revanchierte. Mit dem Neptunbrunnen schmeichelte sich der Magistrat beim jungen Kaiser ein, der der Meinung war. Deutschlands Zukunft liege auf dem Wasser, und den Bau von Kriegsschiffen massiv förderte. Doch der Monarch war vom Geplätscher vor seiner Haustür wenig erbaut und soll sich von dem in seine Richtung blickenden Herrn der Meere irgendwie beobachtet gefühlt haben. Deshalb wurde eine Drehung des Brunnens veranlasst, weshalb der langbärtige Meeresgott in die Breite Straße blickte.

Rohrsystem muss erneuert werden
Der Zustand des bizarren Gebildes von Göttern, Putten, Muscheln, Meerestieren und Wasserpflanzen, über dem der einen Dreizack haltende Neptun wacht, ist nicht gut. Das inwendig verlaufende Rohrsystem muss erneuert werden, Risse und Lücken bei Figuren werden geschlossen und verloren gegangene Details ergänzt. Der Bezirk Mitte lässt für 1,2 Millionen Euro das Brunnenbecken und die Abdichtungen erneuern. Die Wasserspiele erhalten eine moderne Brunnentechnik, und auch die Umrandung aus rotem Granit wird gereinigt und neu verfugt. Der Brunnen bleibt während der Arbeiten hinter Gerüst, Bauzaun und Holzwänden verborgen. Die Baumaßnahme soll bis Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Die Sanierung ist alles andere als eine technische Maßnahme; sie sichert den aktuellen Standort des Brunnens und beendet damit die Debatte über eine Rückversetzung zum Schlossplatz. Die Investition wird von Stadthistorikern und Denkmalpflegern als Bekenntnis für städtebauliche Einordnung aus DDR-Zeiten gewertet.
Mit seinem Brunnen-Geschenk schmeichelte sich der Magistrat der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt bei der obersten Autorität des Deutschen Reiches ein. Die immer spottlustigen Berliner haben den am Brunnenrand sitzenden Symbolfiguren von Elbe, Oder, Weser und Rhein, die jahraus jahrein Handgreiflichkeiten von Bewunderern ihrer Rundungen aushalten müssen, sie seien die einzigen Berlinerinnen, die den „Rand halten“, also schweigen. Könnten die auf dem Granitbecken sitzenden Damen reden, würden sie dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner, der von seinen Amtsräumen auf den Brunnen schaut, zurufen: „Spät, aber nicht zu spät hat die Generalsanierung begonnen. Jedes Warten würde die Schäden vergrößern und die die Kosten weiter in die Höhe treiben.“

Meisterwerk von Reinhold Begas
Im Zweiten Weltkrieg beschädigt, wurde der Neptunbrunnen in seine Einzelteile zerlegt und auf der Museumsinsel eingelagert. Nachdem fehlende Details nachgegossen worden waren, hat man ihn auf einer leer geräumten Fläche zwischen dem Roten Rathaus und der Marienkirche neu aufgestellt. Die Anlage gehört zu der größten dieser Art weltweit und ist eines der Hauptwerke des am kaiserlichen Hof hoch angesehenen Bildhauers von Reinhold Begas. Der mit einem Dreizack bewaffnete Meeresgott thront auf einer riesigen Muschel, die auf einem felsenförmigen Unterbau liegt. Da die Berliner für alles gern Spitznamen erfanden, nannten sie den Neptunbrunnen „Forckenbecken“ in Anspielung auf den Dreizack in Neptuns Hand und den Namen des damaligen Berliner Oberbürgermeisters Max von Forckenbeck.

17. Mai 2026