Hochbarock vom Allerfeinsten - Kloster Neuzelle hat sich zu einem wichtigen christlichen Zentrum und beliebten Touristenziel entwickelt



In Gelb und Weiß gefasst, ist die Franziskanerkirche Neuzelle Ziel zahlloser Gläubiger sowie von Touristen, die zu dem für die Mark Brandenburg untypische Barockwunder pilgern.



Das Wandgemälde im Eingangsbereich der Klosterkirche ehrt Christus als Erlöser und Herrn über die damals bekannten vier Kontinente Europa, Afrika, Asien und Amerika und schildert die Gründungslegende von Neuzelle.



Reich mit Figuren, Gold und Stuck verziert ist, wie die ganze Kirche, auch der Hochaltar. Hier segnet Christus als guter Hirte die Gläubigen.



Man kann sich in Neuzelle nicht satt genug sehen, überall gibt es etwas zu entdecken. Der Orgelprospekt mit musizierenden Putten auf der Brüstung der Empore stammt aus dem Jahr 1806.



Dasbarocke Fresko schildert die Geißelung Christi, dieDeckenbilder werden von schwerem barocken Stuck gerahmt.



Nach alten Vorlagen wurde der barocke Klostergarten hinter der Kirche neu angelegt.

Fotos: Caspar

Wer das heutige Bundesland Brandenburg durchquert,
sieht an vielen Stellen Zeugnisse mittelalterlicher Backsteingotik. Die Kirchen, Klöster, Burgen, Rathäuser, Stadttore und Stadtmauern wurden aus Ziegelsteinen aus dem vor Ort abgebauten und gebrannten Ton gewonnen. Diese Zeugnisse waren im Nachmittelalter wenig beliebt. Viele Bauten verfielen, und die Bevölkerung bediente sich ihrer als eine Art Steinbruch. Zum Glück aber haben viele Bauten die Stürme der Zeit sowie Kriege und Brandkatastrophen überstanden. Sie erfreuen sich heute großer Beliebtheit und sind Gegenstand intensiver denkmalpflegerischer Erhaltungsmaßnahmen.
Aus dem Rahmen der märkischen Backsteinarchitektur fällt das Kloster Neuzelle (Landkreis Oder-Spree), nicht weit von Eisenhüttenstadt entfernt, das nach 1945 als Stalinstadt erbaut wurde. Wer nach Neuzelle kommt, lernt Hochbarock vom Allerfeinsten kennen. Man fühlt sich nach Süddeutschland, Österreich oder Böhmen versetzt, wo solche Prunkbauten stehen und Besucher mit überreichen Vergoldungen, buntem Stuck und Marmor sowie unzähligen Heiligenfiguren und Deckenmalereien in Erstaunen versetzen.

Unter dem Schutz der böhmischen Könige
Nach den Mordbrennereien der aus Böhmen kommenden Hussiten im 15. Jahrhundert bestand nach der Reformation im Kurfürstentum Brandenburg (1539) große Gefahr auch für das katholische Kloster Neuzelle. Zu seinem Glück wurde es nicht wie andere Stiftungen aufgehoben und samt Gebäuden, Kunstschätzen und Juwelen in staatlichen Besitz überführt. Da es unter dem Schutz des Königs von Böhmen und späteren Kaisers Ferdinand I. und seiner Nachfolger stand, konnten die Mönche bleiben. Die Äbte bauten ihre Beziehungen zu böhmischen Klöstern auf und begannen, die Neuzeller Klosterkirche und weitere Anlagen im Barockstil umzubauen. Da das Kloster vermögend war und gut zu wirtschaften verstand, 37 Dörfer, das Lehngut Mochlitz und die Stadt Fürstenberg an der Oder als Ressourcen besaß und außerdem Pilger hier viel Geld ließen, konnte sich das Kloster die teuren Um- und Erweiterungsbauten leisten. In der kunstgeschichtlichen Literatur ist leider nichts über die Baukosten, die Bezahlung der Bauleute und Künstler und ihre Lebensweise zu erfahren.

Aus dem Dornröschenschlaf geholt
Nachdem das seit August dem Starken katholisch regierte Sachsen im Wiener Kongress 1814/15 bedeutende Teile seines Staatsgebietes an das in den Befreiungskriegen gegen das napoleonische Frankreich siegreiche Preußen hatte abtreten müssen, wurde Neuzelle 1817 als letztes Kloster in der preußischen Monarchie säkularisiert, jedoch bis 1945 als Staatliches Stift Neuzelle weitergeführt. Von 1948 bis 1993 gab es hier ein katholisches Priesterseminar. Nach der Wiedereinrichtung der landeseigenen „Stiftung Stift Neuzelle“ (1996) verzeichnete das aus dem Dornröschenschlaf geholte Kloster und dazu gehörige Anlagen einen merklichen Aufschwung in der öffentlichen Wahrnehmung und etablierte sich zu einem wichtigen geistlichen und kulturellen Zentrum mit großer Anziehungskraft. Dazu trägt auch das „Freie Gymnasium im Stift Neuzelle“ bei.
Wenn man Neuzelle besucht, sieht man viele junge Leute , die entweder dort zur Schule gehen oder die sorgsam restaurierten Klosterbauten und ihre Kunstwerke besichtigen und auch im Museum am Stiftsplatz die Geschichte des Ortes kennen lernen. Große Aufmerksamkeit erhalten der nach alten Plänen wiederhergestellte Klostergarten sowie der Kreuzgang und das Museum, in dem Hinterlassenschaften aus dem früheren Kloster gezeigt und auch die Zeit nach der Auflösung des Klosters im Jahr 1817 dokumentiert wird. Einzigartig ist das aus der Barockzeit stammende „Himmlische Theater“, das auf bis zu sechs Meter hohen bemalten Leinwänden und Holztafeln die Passion Jesu Christi schildert. Erstmals nach 150 Jahren ist dieser aufwändig restaurierte Bilderschatz, der in Euroopa seinesgleichen sucht, wieder zu sehen.

Enge Bindung an Böhmen
Markgraf Heinrich von Meißen und der Lausitz, genannt der Erlauchte, gründete 1268 das Kloster Neuzelle zum Andenken an seine verstorbene Gemahlin Agnes. 1304 geriet es mit Teilen der Niederlausitz unter brandenburgische Herrschaft, fiel aber schon 1370 an das Königreich Böhmen unter Karl IV., der auch römisch-deutscher Kaiser war. Die enge Bindung an Böhmen war für Neuzelle wichtig, auch nachdem das Kloster 1635 an Kursachsen gekommen war. Die damals lutherischen Kurfürsten von Sachsen garantierten im Prager Traditionsrezess, auch Prager Frieden genannt, den Fortbestand der Lausitz mit den Zisterzienserklöstern Marienthal, Marienstern und Neuzelle. So stand nach dem Dreißigjährigen Krieg der umfassenden Erneuerung von Neuzelle nichts im Wege.
Die Umgestaltung des Klosters in Formen des böhmischen Barock erfolgte in mehreren Abschnitten und begann 1654,als im Umland und weite Teilen des Römisch-Deutschen Reichs noch in Trümmern lagen und viele Städte und Dörfer entvölkert waren. Zahlreiche von weither nach Neuzelle geholte Bauleute, Bildhauer und Maler schufen ein wahres Wunderwerk des Barock. Es bildet einen bemerkenswerten Kontrapunkt zu den eher kargen Sakral- und Profanbauten, die aus einheimischen Tonziegeln errichtet worden waren. Wenn man genau hinschaut, dann kann man auch im Kloster Neuzelle Spuren der mittelalterlichen Bauten erkennen. Das „Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler“ von Georg Dehio (Ausgabe Brandenburg, München und Berlin 2000) spricht von einer harmonischen und üppigen Gesamtwirkung der in zwei Phasen erfolgten barocken Ausgestaltung der Kirche mit prächtigen Stuckarbeiten und farbenfrohen Malereien.

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, im Einzelnen auf die Wand- und Deckenmalereien, die mit Heiligenfiguren geschmückten Altäre, die prächtigen Seitenkapellen und die Orgel, ja überhaupt auf die barocke Ausgestaltung der Klosterkirche einzugehen. Die Literatur über Neuzelle hilft bei der Orientierung. Ein wenig im Schatten der katholischen Klosterkirche Sankt Marien, aber nicht minder bedeutsam, erhebt sich die Evangelische Kirche zum Heiligen Kreuz. Bis zur Säkularisierung 1817 diente das barocke Gotteshaus der Seelsorge für die katholischen Christen der Region. Beide Kirchen betrachtend, schreibt Winfried Töpler im Heft 2036 des Schnell-Kunstführers, das Zisterzienserkloster Neuzelle habe im Mittelalter nicht zu den großen Klöstern gehört. „Als mit der Reformation das römisch-katholische Bekenntnis in der Niederlausitz, in Brandenburg und Sachsen weitgehend ausgelöscht wurde und Neuzelle sich als katholisches Kloster halten konnte, wurde es zum Mittelpunkt einer weitreichenden Diasporaseelsorge. Von hier aus gingen wesentliche Impulse zur Wiederbelebung der katholischen Kirche in diesem Gebieten aus. (…) Der besondere Rang des Bauwerks gründet in der Verschmelzung von Gotik und Barock zu einem harmonischen Kirchenraum. Der Barock wurde nicht als Fremdkörper in die gotische Kirche eingebracht – vielmehr wurde die gotische Halle in eine Barockkirche verwandelt. Die Seitenaltäre schieben sich kulissenartig hintereinander, rahmen keinen großen Gemeinderaum, sondern bereiten einen Weg zum Hochaltar.“ Das alles muss man gesehen haben und auf sich einwirken lassen.

24. Juni 2026