"Von guten Mächten wunderbar geborgen" - Berliner Zionskirche erinnert an Dietrich Bonhoeffer und Widerstand in DDR-Zeiten

König Wilhelm I. von Preußen, der spätere deutsche Kaiser, stiftete 1861 10 000 Taler für den Bau der Zionskirche. 1873 wurde das Gotteshaus feierlich eingeweiht. Vor einigen Jahr wurde der sanierungsbedürftige Bau erneuert.

Ein von Karl Biedermann geschaffener und aus Bronze gegossener menschlicher Torso sowie eine Schrifttafel an der Westseite der Kirche erinnern an Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet wurde.

Die Staatsbibliothek zu Berlin übernahm 1996 Bonhoeffers über die Nazizeit hinweg geretteten Nachlass, was zur Aufstellung der von Alfred Hrdlicka geschaffenen Büste aus Marmor im Haus II an der Potsdamer Straße führte. Die Tafel an der Matthäuskirche am Kulturforum im Berliner Tiergarten berichtet, dass der Theologe hier am 15. November 1931 zum Pfarrer ordiniert wurde.
Der Geist des Widerstands lebte im DDR-Untergrund weiter. Das Foto zeigt einen jungen Mann bei der Herstellung verbotener Flugschriften. Die Berlin-Karte vor der Zionskirche nennt Zentren der Opposition gegen das SED-Regime in Ost-Berlin, die zur friedlichen Revolution 1989/90 in der DDR führte.
Fotos Caspar
Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die preußisch Haupt- und Residenzstadt Berlin und ab 1871 Hauptstadt des deutschen Kaiserreichs zu einer Millionenmetropole. Die Kirchen in den Vorstädten reichten bald nicht mehr aus, um die Gläubigen aufzunehmen. In der nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel im klassizistischen Stil erbauten Elisabethkirche an der Invalidenstraße herrschte Platzmangel, so dass ein Zionskapelle genannter Gemeindesaal gekauft werden musste. Die Gemeinde bestand analog zur Wohnbevölkerung aus Arbeitern und armen Leuten. König Wilhelm I., der ab 1861 regierte, wurde um finanzielle Hilfe für ein neues Gotteshaus in der Rosenthaler Vorstadt gebeten. Er willigte ein, und so konnte am 16. Oktober 1866 der Grundstein auf einem Grundstück gelegt werden, das dem Magistrat von einer Privatperson geschenkt worden war.
Weit sichtbarer Turm
Da Geldmangel herrschte, ging der Bau nur schleppend voran, bis nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 aus Reparationszahlungen, die Frankreich zahlen musste, eine stattliche Summe für den Weiterbau zur Verfügung stand. So konnte das im Stil der Neoromanik errichtete Gotteshaus mit einem hohen, weit sichtbaren Turm am 2. März 1873 im Beisein von Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Otto von Bismarck feierlich eingeweiht werden. Den Zweiten Weltkrieg hat die Kirche, wie das ganze Viertel, relativ gut überstanden, zeigte aber in DDR-Zeiten Zeichen der Vernachlässigung, die in den vergangenen Jahren nach umfangreicher Sanierung und Restaurierung in den vergangenen Jahren beseitigt sind. Die Glocken wurden wieder in den Turm gehängt, und die defekten Fenster erhielten eine Notverglasung. Erst 2002 konnten die nach dem Krieg zum Schutz der Kirche vermauerten Fenster wieder geöffnet werden, und jetzt sah man, dass der „Zahn der Zeit“ viel Schaden angerichtet hatte.
Torso aus Bronze
Wer die Zionskirche umrundet, sieht links vom Eingang ein Denkmal aus Bronze in Form eines menschlichen Torsos ohne Kopf und und Arme. Was die Figur bedeutet, wird auf einer Tafel an der Kirchenwand erläutert. Das Denkmal ehrt den evangelische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der in der Zeit des Nationalsozialismus zu den führenden Köpfen der Bekennenden Kirche gehörte und einer ihrer Märtyrer ist. 1931 erhielt er den Auftrag, eine Konfirmandenklasse zu übernehmen. Er mietete sich in der Oderberger Straße 31 ein, um ihr und der Zionskirche nahe zu sein. Eine Gedenktafel an der Hauswand berichtet, dass der junge Pfarrer bewusst aus der Villenkolonie im Grunewald in das Arbeiterviertel zog und hier viel Zeit mit den Konfirmanden verbrachte und sie bewirtete. Auch später habe er Kontakt zu ihnen gehalten. „Wegen seines Widerstands gegen den Nationalsozialismus wurde Dietrich Bonhoeffer nach zweijähriger Haft am 9. April 1945 auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers im KZ Flossenbürg hingerichtet. Von den 47 Jungen, die Bonhoeffer am 6. März 1932 konfirmierte, haben mindestens 24 den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt“, berichtet die Tafel.
„Ungefähr die tollste Gegend in Berlin“
Seine Aufgabe beschrieb Bonhoeffer so: „Das ist ungefähr die tollste Gegend in Berlin, mit den schwierigsten, sozialen und politischen Verhältnissen. Anfangs benahmen sich die Jungen wie verrückt, so dass ich zum ersten Mal wirkliche Disziplinschwierigkeiten hatte. Aber auch hier half eines, nämlich, dass ich den Jungen ganz einfach biblische Stoffe erklärte. Da ich die Jungen bis zur Konfirmation behalte, muss ich alle 50 Eltern besuchen und werde zu diesem Zweck auf zwei Monate dort in die Gegend ziehen. Ich freue mich auf diese Zeit sehr. Das ist wirkliche Arbeit. Die häuslichen Verhältnisse sind meist unbeschreiblich, Armut, Unordnung, Unmoral.“ Der aus begütertem Haus stammende Theologe brachte „seinen“ Jungs Englisch bei, spielte mit ihnen Schach, kaufte ihnen Anzugstoff für die Konfirmationsfeier und schnitt die Feiertagskleidung selbst zu. Mit einigen Konfirmanden fuhr er ins Ferienhaus seiner Eltern – der Vater Karl Bonhoeffer war ein berühmte Psychiater und Klinikdirektor – im Harz und ermöglichte ihnen den ersten Urlaub ihres Lebens. (Anm.: Das Wort "toll" hatte damals eine andere Bedeutung als heute: u. a. "verrückt", "chaotisch".)
Dietrich Bonhoeffer war ein Mann, der zum mündigen Christsein ermutigte und zum Widerstand gegen die Schändung elementarer Menschenrechte durch die Nationalsozialisten aufrief. Bereits 1933 hatte der führende Vertreter der Bekennenden Kirche öffentlich die Nazi-Hetze gegen die Juden verurteilt und das Christentum mit der Rassenideologie als unvereinbar erklärt. 1943 wurde der schon bald mit Rede- und Schreibverbot belegte Pfarrer verhaftet. Eine quälend-lange Zeit begann im Gestapo-Gefängnis an der Berliner Prinz-Albrecht-Straße und im KZ Buchenwald. Von bösen, menschenverachtenden Mächten bedroht, machte gab ihm sein Glaube Mut und Zuversicht. In einem später vertonten Kirchenlied schrieb er: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, / was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Heimliche Arbeit im Untergrund
Eine vor der Kirche aufgestellte Stele erinnert daran, dass die Zionskirchgemeinde in den späten Jahren der DDR Zuflucht für den Friedens- und Umweltkreis in der Zionsgemeinde und andere Oppositionelle bot. Pfarrer Hans Simon stellte ihm seine Kellerräume zur Verfügung, wo heimlich die Flugblätter sowie Untergrundzeitschriften gedruckt wurden. „Die einzige freie Druckerei der DDR produzierte in jenen Tagen rund um die Uhr Informationsschriften über die aktuelle Lage im Land sowie Erklärungen und Aufrufe oppositioneller Initiativen", ist auf der Stele zu lesen. „Geheimpolizei und Staatsmacht stürmten in die Umweltbibliothek, beschlagnahmten Drucktechnik und verhafteten Mitarbeiter der Gruppe. Eine Mahnwache an der Zionskirche sowie landesweite und internationale Proteste ließen die Vorgänge zu einem medialen Ereignis werden. Westdeutsche Medien verbreiteten die Nachrichten und Bilder. Die DDR-Führung sah sich daraufhin gezwungen, die Festgenommenen freizulassen. Von dieser Niederlage konnte sich die SED Diktatur nie mehr ganz erholen.“ Das habe das Selbstbewusstsein der DDR-Opposition gestärkt.
Am 17. Oktober 1987 wurden Besucher eines inoffiziellen Konzertes von Skinheads aus der – offiziell nicht existenten - rechten Szene der DDR überfallen und teilweise schwer verletzt. Stasi-Leute und Polizisten schritten trotz Hilferufen nicht ein. Während die Verantwortung für den Überfall Rechtsradikalen aus West-Berlin angelastet wurde, begann die DDR-Führung über rechtsradikale Tendenzen bei Jugendliche nachzudenken. Rechtsextreme Gruppierungen wurde beobachtet und Spitzeln unterwandert.
Der Vorgang war dem Staats- und Parteichef Erich Honecker, seinem Stasi-Minister Erich Mielke und ihren Genossen in höchstem Maße peinlich, waren sie doch so stolz auf die antifaschistische Grundhaltung, ja die Gründungslegende des zweiten deutschen Staates. „Zionskirche“ war für sie wie auch die Leipziger Nikolaikirche als Ausgangspunkt der Montagsdemos von 1989 ein absolutes rotes Tuch. Die juristische Aufarbeitung des Überfalls von Leuten, die sich schon lange vom Arbeiter-und-Bauern-Staat verabschiedet hatten, in einem Schauprozess mit ausgesuchtem Publikum endete mit mehrjährigen Freiheitsstrafen. Die von Punks und Skinheads geprägte Gegenkultur ließ sich nicht unterdrücken und entfaltete sich nach dem Ende der DDR erst richtig.
10. März 2026.