„Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ - Vor 80 Jahren wurde in der Sowjetischen Besatzungszone die Bodenreform mit fatalen Folgen durchgesetzt

Vor 80 Jahren wurde in der Sowjetischen Besatzungszone massiv für die Enteignung der Großgrundbesitzer geworben. Die Plakate der Kommunistischen Partei Deutschlands zur Bodenreform setzten sie pauschal mit Faschisten und Kriegsgewinnlern gleich und beschwor bäuerliche Hilfe für die Stadtbevölkerung.

Der Einsatz von Maschinen und Traktoren konnte mühsame Hand- und Knochenarbeit in der Landwirtschaft nicht ersetzen, spielte aber in der Werbung für die Kollektivierung in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) nach sowjetischem Vorbild eine große Rolle.

Propagandabilder wie diese Briefmarke tun so, als würde die Sonne des Wohlstandes über den deutschen Osten nach Durchführung der Bodenreform aufgehen.

Da es in der DDR für alles und jeden Abzeichen und Orden gab, wurde 1965 die, wie es hieß, demokratische Bodenreform durch eine Medaille gewürdigt. Auf Trödelmärkten sind sie und andere Auszeichnungen zu finden.
Fotos/Repros: Caspar
Bald nach dem Zweiten Weltkrieg begann in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) die Enteignung der Gutsbesitzer. Die mit der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) und damit mit Moskau abgestimmte, von der KPD und ab 1946 von der SED organisierte und überwachte Umgestaltung der Besitzverhältnisse auf dem Lande stand vor 80 Jahren unter der Parole „Junkerland in Bauernhand“ und war als demokratische Bodenreform deklariert. Schon vor der Errichtung der Nazidiktatur am 30. Januar 1933 hatte die Kommunistische Partei Deutschlands dafür geworben, den Großgrundbesitz zu zerschlagen und Rittergüter an landlose beziehungsweise landarme Bauern zu verteilen.
Die rigorose Enteignungen und Vertreibungen gingen auf einen Wunsch des sowjetischen Diktators Josef Stalin zurück und begann offiziell am 2. September 1945 in der brandenburgischen Stadt Kyritz als Maßnahme zur Gesundung des Landes und als Abrechnung mit alten Eliten. Stalin wurde die Rolle als „einziger“ Sieger über den Hitlerfaschismus, so die offizielle Sichtweise im Osten auf das Ende des Zweiten Weltkriegs, zugeschrieben. Ihm wurden übernatürliche, ja gottgleiche Eigenschaften angedichtet. „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“ wurde den Menschen eingehämmert. „Genosse Stalin zeigte, dass die Liquidierung des Kulaktentums als Klasse auf der Grundlage der durchgängigen Kollektivierung eine neue Politik der Partei und nicht die Fortsetzung der früheren Politik der Einschränkung und Verdrängung der kapitalistischen Elemente des Dorfes darstellt“, heißt es in einem Buch aus der Stalinzeit.
Hier Abrisse, dort Neubauernhäuser
Großgrundbesitzer und Großbauern wurden man im deutschen Osten den von Stalin bekämpften Kulaken gleichgesetzt. Wie diese sollten sie ausgeschaltet werden, ganz gleich, ob sie Mitschuld an der Naziherrschaft hatten oder nicht, ob sie zu Hitlers Helfern gehörten oder im Widerstand Leben und Freiheit verloren hatten. Der KPD-Vorsitzende und spätere DDR-Präsident Wilhelm Pieck erklärte, das Volk müsse sich von seinem anerzogenen Untertanengeist, von der Hörigkeit und Knechtseligkeit befreien. Die Maßnahme zielte darauf ab, sich potenzieller Feinde zu entledigen. Unter dem Vorwand, Steine, Dachziegel, Holz und anderes Baumaterial für Neubauernhäuser gewinnen zu wollen, erhielten die ostdeutschen Landesregierungen die Weisung, möglichst viele Gutshäuser und Wirtschaftsgebäude zu schleifen. Dem am 9. September 1947 erlassenen SMAD-Befehl „Maßnahmen zur Wirtschaftseinrichtung der Neubauernwirtschaften“ zufolge sollten 37 000 Häuser in den Neubauernwirtschaften errichtet werden. Dafür wollte man das Baumaterial aus ehemaligen Kriegsbauten sowie aus Gutsgebäuden und Wirtschaftsgebäuden verwenden.
Der Befehl 209, vorbereitet und untermauert durch eine massive Kampagne der ostdeutschen Kommunisten gegen Junker und andere „Volksschädlinge“, öffnete alle Schleusen. Die Hundertjahrfeier der Revolution von 1848 und der Herausgabe des „Kommunistischen Manifests“ durch Karl Marx und Friedrich Engels im gleichen Jahr, aber auch eine Propagandakampagne über den deutschen Bauernkrieg von 1525 boten Gelegenheit, Schreckensbilder über die Rolle des Adels in der deutschen Geschichte an die Wand zu malen. Unterschiedslos wurden Angehörige der Aristokratie mit Raubrittern, Ausbeutern, Militaristen und Faschisten gleichgesetzt. Ihre Enteignung und die Vernichtung ihrer Gutshäuser feierte man als große historische Tat und wusste sich darin mit den sowjetischen Genossen einig, die nach der Oktoberrevolution von 1917 die russische Oberschicht enteignet und liquidiert hatten. Die bei der Bodenreform verwendete Parole „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ stammte aus der Zeit der Französischen Revolution von 1789. Sie wurde angesichts furchtbarer Verelendung großer Teile der deutschen Landbevölkerung in der Zeit vor der Revolution von 1848/49 populär.
Spuren der Junkerherrschaft vernichten
Auf örtlicher Ebene wurden immer wie nach dem Sinn der Aktion gefragt, bei der ja auch dringend gebrauchter Wohn- und Arbeitsraum der Spitzhacke zum Opfer fiel. Deshalb fühlten sich führende Genossen in Ostberlin zur Klarstellung genötigt. Das Zentralsekretariat der 1946 durch zwangsweisen Zusammenschluss von KPD und Ost-SPD gebildeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) wurde in einem von Walter Ulbricht und Anton Ackermann unterzeichneten Rundschreiben vom 31. März 1948 deutlich: „Der Abriss darf nicht nur unter dem Gesichtswinkel betrachtet werden, Baumaterialien für Neubauernsiedlungen zu gewinnen; viel wichtiger ist soweit als möglich die Spuren der Junkerherrschaft auf dem Dorfe zu vernichten“. Die praktische Arbeit wurde von den Landesregierungen und örtlichen Funktionären organisiert und als Friedenswerk angepriesen. Nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gab es Versuche ehemaliger Land- und Schlossbesitzer, ihre Güter und Gebäude zurückzubekommen. Das gelang nur in seltenen Fällen. 1991 entschied das Bundesverfassungsgericht, die im deutsch-deutschen Einigungsvertrag erfolgte Anerkennung der sogenannten Bodenreform in der damaligen SBZ sei verfassungsgemäß, weshalb die Enteigneten keinen Anspruch auf Rückgabe ihrer Besitzungen haben. Wer sein Erbe dennoch zurück haben wollte, musste es kaufen.
Erwartungen wurden nicht erfüllt
Die SED-Spitze sah die Nutzung von Schlössern als Kommandanturen und Sanatorium, Bürgermeisterei und Büro, für Wohnzwecke oder als Kulturhaus nur als vorläufig an. Ziel war es, den zum „Müllhaufen der Geschichte“ erklärten Bestand, bis auf prominent Anlagen, zu beseitigen, koste es, was es wolle. Die Vernichtung umfasste auch das Inventar, so weit es nicht bereits von der Roten Armee requiriert oder von den Ortsansässigen zu Hause als Möbel, Wandschmuck oder Brennmaterial verwendet wurde. In verschiedenen Fällen wurde Kulturgut gleich im Gutshof verbrannt, manchmal aber auch in Depots und Museen geschafft. Es gab auch Fälle, wo Einheimische wertvolle Dinge an sich nahmen und sie später den Behörden ablieferten. Nach dem Ende der DDR wurden manche Bücher, Bilder und andere Objekte den Nachfahren an die der enteigneten Personen zurück gegeben.
Die Bodenreform erfüllte nicht die wirtschaftlichen und politischen Erwartungen ihrer Initiatoren. Mit dem trotzigen Ruf „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“ wurde die Misere in der Landwirtschaft und daraus folgend die Lebensmittelknappheit in der SBZ und ab 1949 DDR nur kaschiert und die Bauern für hohe und höchste Leistungen auf dem Acker ermuntert. Gemeint war, dass es auch ohne Hilfe von „oben“ und selbst bei schlechtem Wetter gelingt, die Früchte angestrengter Arbeit einzufahren, wenn man es nur will. Der Spruch hatte zudem eine klare antireligiöse Tendenz, denn er richtete sich gegen die Kirche, die die Zwangskollektivierung der Bauern bekämpfte und ein besonderes Hassobjekt der SED war.
Letzter Ausweg war die Flucht
Schaut man sich die Realitäten im ländlichen Raum an, dann sieht man, dass die Genossenschaftsbauern ohne Erntehelfer aus der Stadt ihre Ablieferungsverpflichtungen kaum erfüllen konnten, denn ihre maschinelle Ausstattung war in der Regel schlecht und der politische Druck auf die Bauern enorm, ihr Soll zu erfüllen. Die von der Propaganda schön gefärbten Zustände auf dem Land und der Zwang, in die LPG einzutreten waren so unerträglich, dass viele Menschen ihrer Heimat den Rücken kehrten, solange es bis zum Mauerbau am 13. August 1961 noch ging. Ähnlich erging es enteigneten Kleinunternehmern, die die SED der verhassten Kapitalistenklasse zurechnete. Wer sich nicht anpasste, dem wurden die Lebensgrundlagen entzogen. Als Verräter an der sozialistischen Heimat verteufelt, bauten sie sich im Westen eine neue Existenz auf. Manche kehrten nach dem Ende der SED-Herrschaft in ein ihnen fremd gewordenes Land zurück und wurden sesshaft.
23. Februar 2026