„Dieser Feind steht rechts“ - Ausstellung in Gedenkstätte Deutscher Widerstand über den Kampf gegen den Nationalsozialismus vor 1933

Die bis 23. August 2026 in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand an der Stauffenbergstraße im Berliner Ortsteil Tiergarten laufende Sonderausstellung „...dieser Feind steht rechts!“ Der Kampf gegen den Nationalsozialismus vor 1933“ berichtet von den letztlich vergeblichen Versuchen aufrechter Demokraten, den Nationalsozialisten in den Arm zu fallen.

Die Ausstellung beleuchtet verschiedene Handlungsfelder, Motivationen und Formen der Auseinandersetzung mit der aufstrebenden NS-Bewegung. Sie macht deutlich, dass die Weimarer Republik keinesfalls eine „Demokratie ohne Demokraten“ war. Allerdings wurden deren wortgewaltigen Warnungen in den Wind geschlagen.

Hier Massenprotest in Berlin, dort bewundernde Huldigung für den „Führer“ und abwartende Zuschauer am Rand – die Ausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zeigt, wie tief der Riss bei den Deutschen vor 1933 war.

Ob man Hitler der Lüge bezichtigte oder nicht – nichts änderte am Zulauf, den seine „Bewegung“ in den letzten Jahren der Weimarer Republik verzeichnete. Die ihn zum Reichskanzler machten, hofften, dass er bald „abwirtschaften“ wird und die Probleme des Landes nicht in den Griff bekommt. Das Gegenteil war der Fall.

Aufklärung und Agitation allein reichten nicht aus, wenn das politische und soziale Umfeld nicht bereit war, die Konsequenzen einer links- oder rechts gerichteten Diktatur klar zu benennen. Als die Naziherrschaft konkret wurde, war es zu spät.
Fotos: Caspar
Die 1919 gegründete Weimarer Republik stand von Beginn an auf wackligen Füßen. Feinde von links und von rechts setzten ihr zu und machten das Regieren zeitweise unmöglich. Nach dem Ersten Weltkrieg, an dessen Ende in der Novemberrevolution die Monarchie abgeschafft wurde und sich die junge Republik eine demokratische Verfassung gab, herrschten Bürgerkrieg, Not und Inflation. Es gab Aufstände und Putschversuche, ja auch den Versuch, Landesteile vom Deutschen Reich abzutrennen. Tief waren autoritäre Ideen und nationalistisches Denken bei vielen Deutschen und der Kampf gegen die „Schmach von Versailles“ in großen Teilen der Gesellschaft verwurzelt. Die einen wollten den Kaiser und die abgedankten Fürsten zurück haben, andere riefen nach einem neuen „Führer“; weitere strebten eine Art Sowjetdeutschland an und probten die proletarische Revolution.
Zahlreiche Demokratinnen und Demokraten aus Politik, Kunst und Kultur warnten schon früh vor den Gefahren, die von völkischen, antisemitischen, rechtsextremen und linksextremen Gegnern des „Weimarer Systems“ ausgeht, wie die Republik abwertend bezeichnet wurde. Sie fürchteten um Grundrechte und soziale Errungenschaften der ersten parlamentarischen Demokratie in Deutschland.
Mordanschlag auf Rathenau
Der Titel einer neuen Ausstellung über die letzten Jahre der Weimarer Republik und den Vormarsch der von Hitler geführten Nationalsozialisten in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand an der Stauffenbergstraße im Berliner Ortsteil Tiergarten ist einer Rede des damaligen Reichskanzlers Joseph Wirth anlässlich der Trauerfeier im Berliner Reichstagsgebäude für den am 24. Juni 1922 von zwei Mitgliedern der rechtsextremen Organisation Consul ermordeten Außenminister Walther Rathenau entnommen. Dem Anschlag war ein infames Kesseltreiben gegen den jüdischen Politiker voran gegangen. Feinde der jungen Republik warfen ihm allzu große Nachgiebigkeit gegenüber den Siegermächten des Ersten Weltkriegs und seinen unbedingten Einsatz für die Demokratie vor. Mit der Mordtat wurde die instabile republikanische Ordnung getroffen, zu deren herausragenden Vertretern der Politiker, Unternehmer und Publizist gehörte.
In seiner Trauerrede erklärte Wirth am 25. Juni 1922 im Reichstag, mit dem Mord an Rathenau seien große Entwicklungen jäh unterbrochen worden, „und die Herren, die die Verantwortung dafür tragen, können das niemals mehr vor ihrem Volke wieder gutmachen.“ Er, Wirth, habe erwartet, dass hier nicht nur eine Verurteilung des Mordes erfolgt, „sondern dass ein Wörtchen falle, um einmal auch die in Ihren eignen Reihen zu einer gewissen Ordnung zu rufen, die an der Entwicklung einer Mordatmosphäre in Deutschland zweifellos persönlich Schuld tragen. (...) Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind - und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“ Dieser Ausspruch wurde zum geflügelten Wort und wird bis heute immer wieder zitiert. Nach dem Attentat erließ die Reichsregierung zwei Verordnungen, die in das „Gesetz zum Schutz der Republik” eingingen. Allerdings wurde es vor allem gegen Kommunisten und linke Kräfte angewendet, obwohl es gegen extremistische Organisationen gerichtet war. Elf Jahre später war die Weimarer Republik am Ende, und die Herrschaft des Nationalsozialismus begann.
Einheitsfront kam erst, als es zu spät war
Obwohl lange vor der Errichtung der Nazidiktatur am 30. Januar 1933 klar zu erkennen war, was Hitler und seine Leute tun werden, wenn sie an der Macht sind, waren die politischen und wirtschaftlichen Eliten der Weimarer Republik, von Ausnahmen abgesehen, nicht willens, der vor allem von den Kommunisten voraus gesagten Kriegsgefahr angemessen zu begegnen. Die Ausstellung räumt mit dem in der DDR propagierten Lehrsatz auf, dass nur sie gegen die Faschisten kämpften. Sie zeigt, dass es eine demokratische und christliche Bewegung gab, die aufklärte und zum entschlossenen Handeln mahnte, aber nicht den erforderlichen Rückhalt in der Bevölkerung fand. Wenn Parteien links der Mitte und Gewerkschaften zu Protesten gegen die Nazigefahr aufriefen, waren die Teilnehmer unter sich. Die Einheitsfront bildete sich im Untergrund erst, als es zu spät war. Die Ausstellung zeigt, wer die Männer und Frauen waren, die sich den Nazis entgegen stellten und sich ihnen zum Feind machten. Viele wurden nach der so genannten Machtergreifung 1933 verhaftet und ermordet. Wer konnte, setzte vom Exil aus den Kampf fort. Manche Oppositionelle blieben in Deutschland und gingen, wie Erich Kästner, in die innere Emigration.
In der Ausstellung wird aus einem seiner Gedichte zitiert, das in der „Weltbühne“ vom August 1932 veröffentlicht wurde. Dort werden die Nationalsozialisten namentlich zwar nicht genannt, aber jeder wusste, dass sie gemeint sind. Die letzte Strophe lautet so: „Wie ihr's euch träumt, wird Deutschland nicht erwachen. / Denn ihr seid dumm, und seid nicht auserwählt. / Die Zeit wird kommen, da man sich erzählt: / mit diesen Leuten war kein Staat zu machen!“
Hitler „einrahmen“ reicht nicht aus
Wie sollten sich Kästner und seine Mitstreiter in der Annahme täuschen, wenn nur genügend agitiert und die Dummheit bekämpft wird, werde sich alles zu Guten wenden. Bloße „Publikumsbeschimpfung“ und politische Aufklärungsarbeit jedoch führten zu nichts, weil konsequente Unterstützung durch die Politik, die Parlamente, Justiz und andere Kräfte fehlte. Im Übrigen war die Illusion weit verbreitet, dass es die Nazis nicht weit bringen werden, wenn sie erst einmal an der Macht sind. Dann würde sich zeigen, dass ihre populistischen Parolen, wie wir heute sagen würden, untauglich sind, um die gravierenden wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes zu beheben. Auch Hitlers Steigbügelhalter täuschten sich in der Hoffnung, ihn und seine Leute „einrahmen“ zu können, wie der deutschnationale Medienmogul Alfred Hugenberg Anfang 1933 noch sagte.
In der jüdischen Bevölkerung gab es die Auffassung, gerade wegen der Bedrohung durch Pogromhetze, Ausgrenzung und Rassengesetze sei es notwendig, im Land zu bleiben und mutig der Gefahr die Stirn zu bieten. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki berichtet in seinem Buch „Mein Leben“, dass viele Juden ihre Koffer packten und ins Exil gingen und andere sich der Illusion hingaben und sich gründlich täuschten, es könne nicht so schlimm werden wie vorausgesagt wird. Ein unmenschliches Regime wie das nationalsozialistische sei in Deutschland auf die Dauer undenkbar. Nach zwei oder spätestens drei Jahren werde der „Spuk“ vorbei sein.
„Wenn Deutschland schläft–: wir sind wach!“
In einem anderen Gedicht schrieb Kurt Tucholsky: „Wir zählen die Opfer, wir zählen die Toten. / Kein Minister rührt sich, wenn Hitler spricht. / Für jene die Straße. Gegen uns das Reichsgericht. / Wir sehen. Wir hören. Wir fühlen den kommenden Krach. / Und wenn Deutschland schläft–: wir sind wach!“ Die zum Kampf gegen den Nationalsozialismus aufriefen, standen in den frühen 1930er Jahren angesichts der schweren Wirtschaftskrise und einer hohen Arbeitslosigkeit auf verlorenem Posten. Die NSDAP gewann an Boden und erfreuten sich wachsenden Zulaufs, der sich auch in massiven Wahlerfolgen zeigte. Die Ausstellung unterstreicht, dass Parteien, Gewerkschaften, Künstler, Wissenschaftler, Publizisten und Juristen, unter denen auch viele Frauen waren, gegen Windmühlenflügel kämpften.
Die Weimarer Republik hatte große Chancen, die unheilvolle Entwicklung zu stoppen, aber sie konnte sich zu entschiedenen Maßnahmen nicht aufraffen, um eine Wende herbei zu führen. Im Berliner Tageblatt vom 1. Oktober 1930 rief die Frauenrechtlerin Katharina von Kardorff die bürgerlichen Parteien auf, der NSDAP eine „staatserhaltende stolze Front“ entgegenzustellen. An die Frauen unter den Wählern gewandt schrieb sie: „Unter Hitlers Führung werdet ihr in eure unsagbare hilflose und unbedeutende Stellung in Familie und Staat von früher zurücksinken, denn eine Partei, die bei den Wahlen keine Frauen als Kandidaten aufstellt, degradiert die Frau als Wesen zweiter Klasse.“ Käthe Kern warnte, im Dritten Reich wäre die Frau in erster Linie nur Kriegsmutter. „Merkt es euch ihr Mütter, für die Nazis seid ihr Ziegen und eure Kinder Kanonenfutter.“ In der Zeitung „Der gerade Weg“ vom 31. Juli 1932 heißt es: „Nationalsozialismus aber bedeutet: Feindschaft mit den benachbarten Nationen, Gewaltherrschaft im Inneren, Bürgerkrieg, Völkerkrieg. Nationalsozialismus heißt: Lüge, Hass, Brudermord und grenzenlose Not.“
Zeichen an der Wand nicht erkannt
Die Nazis setzten vom ersten Tag ihrer Machtübernahme konsequent und rücksichtslos ihre Pläne durch. Niemand konnte sich vorstellen, dass ihr Vorhaben, das Deutsche Reich in eine Diktatur zu verwandeln,Wirklichkeit wird. Dass sie nach anderen Ländern greifen und Juden sowie Kranke und andere nicht in ihr völkisches Weltbild passende Menschen ihrer Rechte und ihres Lebens berauben würden, lag bei den meisten Menschen außerhalb jeder Vorstellungskraft.
Große Teile der Deutschen folgten ungeachtet aller Warnungen den Naziparolen, wie Wahlergebnisse, Massenversammlungen und zahlreiche freiwillige Eintritte in die Nazipartei und ihre Mörderbanden zeigen. Was in der Diktatur kommen wird, wurde in der Weimarer Republik voraus gesagt; nur die wenigsten erkannten die Gefahr. Die Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand klärt darüber auf, was geschieht, wenn die Zeichen an der Wand nicht erkannt oder auch unterschätzt werden. Auch wenn die Ereignisse fast ein Jahrhundert zurück liegen, sind sie aktueller denn je.
24. März 2026