„Die Docters seindt große Idioten“ - König Friedrich II. von Preußen war oft krank und ärgerte seine Leibärzte

Die 1710 vom preußischen König Friedrich I. angesichts der herannahenden Pest gegründete Charité in Berlin entwickelte sich zu einer renommierten Kranken- und Unterrichtsanstalt. Die Sektion von Leichen war anfangs ein Schauspiel, zu dem auch neugierige Berliner kamen.

Die Krankenpflege stand im 18. Jahrhundert in Berlin auf vergleichsweise hohem Niveau, ebenso die Sorge um gebärende Mütter. Denn die Könige brauchten kräftige, arbeitsame Untertanen und Kanonenfutter für ihre Kriege.

Friedrich II. soll im Beisein seiner Gäste alles andere als vornehme Redewendungen gebraucht haben. Der Ausschnitt aus einem Holzstich von Adolph Menzel zeigt neben dem König den französischen Philosophen und Schriftsteller Voltaire.

Zwischen dem Reichstaler von 1750 und der Ausgabe von 1786, dem Sterbejahr Friedrichs II., liegen 36 Jahre voll Mühsal und Gefahr. Mehr als einmal blickte er im Siebenjährigen Krieg in den Abgrund.

Im Deutschen Historischen Museum Berlin sind Friedrichs blaue Uniform mit Ordensstern und andere Memorabilien ausgestellt.

Für den kranken König blieb im Alter nur, seine Minister, sich mühsam im Sessel aufrecht haltend, zu empfangen, Akten zu lesen und Befehle zu diktieren, wie die Grafik um 1900 zeigt.

Adolf Menzel schildert auf den Holzstichen zur Friedrich-Biographie von Franz Kugler (1840) den sterbenden König und seine Ruhestätte in der Potsdamer Garnisonkirche.
Fotos/Repros: Caspar
Leibarzt beim preußischen König Friedrich II., des Großen, zu sein, war alles andere als angenehm, sondern mit viel Frust und Abwehr des Patienten verbunden, der sich am liebsten selbst kurierte und sich damit in der Regel schadete. Schon als junger Mann von zahlreichen Krankheiten wie Gicht, Hämorrhoiden, Porphyrie und Zahnschmerzen geplagt, war er überzeugt, es nur mit Scharlatanen, Urinpropheten, Quacksalbern und Geldschneidern zu tun zu haben. In sein pauschales Verdikt schloss der Selbstherrscher auch Juristen, Beamte, Leute vom Bau sowie Lieferanten für die Armee ein. Regelmäßig bestellte er sie zu sich und kanzelte sie mit harschen Worten ab und zeigte ihnen auch mit Drohungen und Lockungen, wer Herr im Haus ist und dass sich alle nach seinem Willen zu richten haben. Wer opponierte, verlor Gunst und Stellung und tat gut, Preußen zu verlassen.
Seinem Kammerdiener und Verwalter seiner Privatschatulle Michael Gabriel Fredersdorff schrieb der 35jährige Monarch 1747: „Du hast gros recht, daß du die docters die Wahrheit sagst, sie Seindt große Idioten“. Den Antrag eines Regimentskommandeurs, ihn aus Gesundheitsgründen aus der Armee zu entlassen, beschied der König in seiner keinen Widerspruch duldenden Art: „Mir geht auch nicht immer, wie Ich es gern haben möchte, deswegen muß Ich immer König bleiben. Rhabarber und Geduld wirken vortrefflich.“ Was mit ihm geschieht, hat der König gegenüber seinem Bruder August Wilhelm in der Sprache eines Feldherrn so beschrieben: „Es stürmen so viele Angreifer auf meinen Körper ein, dass ich fortwährend genötigt bin, Ausfälle gegen die Belagerer zu machen, bald gegen Gicht, bald gegen Steinbeschwerden, inmitten so vieler Feinde ist meine Lage keine behagliche.“
Trotz seiner vielen Krankheiten wurde der Große König 74 Jahre alt und übertraf damit seine Vorfahren, die wie der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm 68, dessen Sohn Friedrich I. 57 und Enkel Friedrich Wilhelm l. trotz der ihrem Stand angemessenen ärztlichen Betreuung nur 52 Jahre alt wurden. Spätere Nachfolger wie Friedrich Wilhelm III., Friedrich Wilhelm IV. sowie die Kaiser Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. wurden 70, 66, 91, 57 und 82 Jahre alt.
Ruhelos auch bei Regen und Sturm
Sich und seine Gesundheit sah der König bisweilen sarkastisch und kritisch, etwa als er sich 1755 nach einem Sturz vom Pferd nur mit Hilfe von Freienwalder Heilwasser zu kurieren versuchte. Michael Gabriel Fredersdorff schrieb er in der ihm eigenen deutschen Orthografie: „das baden habe ich angefangen, man mus Sehn, ob es möglich ist, eine alte Canaille junk zu Machen.“ Da hatte der König noch die schweren Kriegsjahre von 1756 bis 1763 und böse Krankheitsverläufe vor sich. Bei Regen und Sturm gönnte er sich keine Ruhe. Mehrfach setzte er sich der Gefahr aus, von feindlichen Kugeln tödlich getroffen zu werden wie die schwedischen Könige Gustav II. Adolf (1632) und Karl XII. (1718) oder in Gefangenschaft zu geraten.
Wie Achill, der Held der Antike, hatte auch Friedrich II. von Preußen seine Achillesferse. Sein französischer Brieffreund Voltaire hatte nach seiner Verwundbarkeit gefragt, und so schrieb er ihm 1776: „Ich armer Achille, wenn ich denn einer sein soll, so bin (ich) nicht unverwundbar weder an der Ferse noch an den Knien noch an den Händen. Frau Gicht ist nach und nach durch meinen ganzen Körper gewandert und hat mir eine gute Lektion in der Geduld erteilt. Nur mein Kopf ist verschont geblieben.“
Schmerzhafte Gichtanfälle
Wegen der Schmerzen in der rechten Hand musste Friedrich mit der linken zu schreiben lernen. Seine Schrift war nach eigenen Worten „wie mit dem Krückstock gehauen.“ 1782 schrieb Friedrich an den französischen Mathematiker, Physiker und Aufklärer Jean-Baptiste le Rond d’Alembert: „Ich habe an der rechten Hand und am rechten Fuß einen heftigen Gichtanfall gehabt; und da auch das Unglück zu etwas gut ist, so hat mich die Unmöglichkeit, meine rechte Hand zu gebrauchen, dahin gebracht, meine Zuflucht zur linken zu nehmen, mit welcher ich gelernt habe leserlich zu schreiben.“ Als das auch nicht mehr möglich war, hat man königliche Befehle nicht mehr mit der persönlichen Unterschrift, sondern mit einem besonderen Kabinettssiegel versehen.
Ungeachtet der Schmerzen und Unpässlichkeiten hat der König, der sich als erster Diener seines Staates sah und keinen Zipfel Macht und Kontrolle abzugeben bereit war, keine Abstriche bei seiner Pflichterfüllung zugelassen. Er saß schon morgens zwischen 4 Uhr und 5 Uhr am Schreibtisch, wobei das nicht allein auf seine beispiellose Arbeitsdisziplin zurückzuführen war, wie Hans-Joachim Neumann in seinem instruktiven Buch schreibt, sondern schlicht auch auf seine Schlaflosigkeit.
Der König hatte nicht nur mit der Gicht zu tun, die ihm am Schreiben, Gehen, Treppensteigen und was sonst noch hinderte. Hinzu kamen Hämorrhoiden und Darmbeschwerden,die als Erbkrankheit im Hause Hohenzollern verbreitet war, sondern auch mit der kolikartige Bauchschmerzen, Erbrechen, Übelkeit und Krämpfe verursachenden Porphyrie. Er ertrug das alles mit stoischer Ruhe, äußerte sich aber hin und wieder gegenüber Vertrauten, wie elend ihm zumute ist und dass die „Maschine“, das heißt sein Körper, stockt und stille steht.
Niere, Milz und Leber, das alte Luder
Seinem Kammerdiener Gabriel Fredersdorff schrieb der 34jährige Monarch 1746 aus Dresden, wo gerade der Zweite Schlesische Krieg mit einem Friedensvertrag beendet wurde: „Ich leide immer an der Nihre, Miltz und Leber, das alte Luder ist nicht mehr wert, als das es der Teufel Holet.“ Angesichts eines Gichtanfalls ließ der seinen Bruder und designierten Nachfolger August Wilhelm wissen: „Der Fuß ist sogar noch geschwollen. Das ist wenig erfreulich und verfrüht.“ Auf die Idee, etwas an seiner Lebensweise zu ändern, von schwer verdaulichen Speisen Abstand zu nehmen und auch den Konsum von Wein und Sekt zu reduzieren, wie wir es heute wahrscheinlich in solchen Fällen tun würden, kam der König nicht. Vielmehr sah er in allen, die ihm eine solche Umkehr nahe legten, keine wohlmeinenden Warner und Helfer, sondern nur inkompetente Spielverderber und Nörgler.
Über Friedrich als Patient und seine Krankheiten und wie er seine Ärzte behandelt und gewechselt hat ist viel geschrieben worden. Wir verdanken dem Berliner Mediziner und profunden Kenner der preußischen Geschichte sowie der Krankengeschichten europäischer Fürstenhäuser, Hans-Joachim Neumann, ein Buch über Friedrich den Großen als Feldherr und Philosoph und darin eingeschlossen umfangreiche Analysen seines Gesundheitszustands (edition q Berlin 2000, 264 Seiten, zahlr. Abb., ISBN 3-86124-52-8). Darin spricht der Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an der Berliner Charité die Zahnprobleme des Königs an, die um 1770 zum Verlust von Schneidezähnen und damit verbunden zum Verzicht auf das geliebte Flötenspiel führten, aber auch seine Probleme mit den Augen an. Dass der König eine Brille tragen musste, geht nur aus zeitgenössischen Beschreibungen hervor. Auf Bildern sucht man sie vergeblich. Auch dass er seine tägliche Hygiene vernachlässigte und am liebsten abgeschabte Uniformen trug, erfährt man aus solchen Quellen.
Von Warnungen unbeeindruckt
Friedrich vertrug die Wahrheit nicht und warf seine Mediziner in einen Topf mit Quacksalbern, die den Leuten mit allerhand Hokuspokus das Geld aus der Tasche zogen. Unbeeindruckt von allen Warnungen ließ er schwer verdauliche Speisen auffahren, die ihn nach stundenlangen Tafeleien erbrechen ließen und zu Koliken führten. Diät einhalten statt scharf gewürzten Brei aus stundenlang gekochtem Fleisch zu sich zu nehmen, wies er weit von sich. Als er die Vorderzähne verloren hatte, konnte er nicht mehr wie andere Menschen essen, sondern nur breiige Kost zu sich nehmen.
Der König hielt Advokaten und Ärzte für „Geschmeiß“ und kanzelte sie vor aller Augen ab, wenn ihm deren Tun und Lassen nicht gefiel. Dabei versuchten seine Ärzte doch alles, seine ständigen Durchfallattacken, Schmerzen in den Beinen und Händen, Atemnot und zeitweiligen Sprachstörungen zu befreien, so gut es nach damaligem Stand der Medizin möglich war. Er hielt an drei Dingen fest: Abführmittel, Bewegung vor allem in Form von Reiten und Diät, unter der er allerdings keineswegs den Verzicht auf Kaffee und Wein sowie scharf gewürzte Soßen verstand, wie ihm seine Ärzte rieten. Krankheiten durch Selbstbeschränkung beim Essen und Trinken und einer angemessenen Lebensweise beizukommen, war nicht sein Ding. Eher setzte er auf teuer eingeführtes Heilwasser oder ab und zu auf Badekuren in Aachen oder Bad Pyrmont.
Alt, grau und grämlich
Der 48 Jahre alte König beschrieb 1759 seinem Kammerherrn, dem Schriftsteller und Philosophen Marquis d’Argens, seinen Gesundheitszustand angesichts der Strapazen, die der Siebenjährige Krieg für ihn brachte, mit diesen Worten: „Ich bin alt, grau und grämlich; hin und wieder leuchtet meine gute Laune auf; aber das sind Funken, die verglimmen, weil die nährende Glut fehlt. [...] Sähen Sie mich, Sie erkennten keine Spur dessen mehr, der ich früher war. Sie sähen einen ergrauenden Greis, der Hälfte seiner Zähne beraubt, ohne Heiterkeit, ohne Feuer, ohne Einbildungskraft. (...) Das sind die traurigen Zeichen der Hinfälligkeit, die der Herbst unseres Lebens unweigerlich mit sich bringt."
Der König war fest überzeugt, er wisse am besten über seinen Körper am besten Bescheid und was ihm gut tut, alles andere sei Scharlatanerie. Mit dieser Meinung geriet er in Konflikt mit seinen Leibärzten, die zwar bedeutende Experten in ihrem Fach waren, meist aber vom König aber geringschätzig behandelt wurden. In dem schon erwähnten Buch von Hans-Joachim Neumann kommen einige am Hof des Königs von Preußen tätige Autoritäten wie Johann Andreas Cothenius, Johann Georg Ritter von Zimmermann und Johann Gottlieb Selle zu Wort. Vergeblich versuchten sie, gegen den Starrsinn des Königs anzugehen, und manche verließen frustriert seinen Hof. Friedrich II. schätzte Zimmermann weniger als Mediziner denn als Weltmann und Philosophen. Diese Eigenschaften hätten nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass der Preuße ihn zu sich rief. „Ärzte dieser Prägung bevorzugte der König, der von ihrer eigentlichen Profession ohnehin nicht über überzeugt war“, schreibt Neumann.
Als der König am 17. August 1786 gestorben war, avancierte sein Sterbezimmer im Schloss Sanssouci zu einem Pilgerort. Viele Legenden ranken sich um den Sterbesessel des Königs, in dem er die letzten Wochen seines Lebens verbracht hatte. Nach einem Bericht im „Journal des Luxus und der Moden“ haben Besucher des Schlosses Sanssouci im April 1787 Pferdehaare als Andenken aus dem Polster gezogen. Der pietätlose König Friedrich Wilhelm II. gab den Sessel an Verwandte weg. 1878 hat man ihn im neu gegründete Hohenzollern-Museum im Berliner Schloss Monbijou aufgestellt. Die beim Ableben des Königs entstandenen Blutflecke waren damals noch sichtbar, sind es aber heute im Sterbezimmer von Schloss Sanssouci nicht mehr, da der Bezug später erneuert wurde.
5. Januar 2026