Halbgott vom Sockel gestoßen - Vor 70 Jahren kratzte Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU an Stalins Mythos (Entstalinisierung Teil 1)

Stalin, der sich als Vater aller Werktätigen und Nachfolger Lenins feiern ließ, glänzte auf dem Höhepunkt seiner Macht und internationalen Ansehens 1945 in weißer Uniform auf der Potsdamer Konferenz.

Nur die wenigsten der Demonstranten auf dem Berliner Schlossplatz wussten um seine Verbrechen. Diese kamen erst nach 1956 nach und nach ans Tageslicht und wurden in der herunter gespielt.

Seite an Seite grüßten Josef Stalin und Nikita Chruschtschow ihre Untertanen. Es dauerte nur wenige Jahre, bis sich der neue Sowjetführer 1956 auf dem XX. Parteitag der KPdSU zu einer für seine Verhältnisse mutigen Abrechnung mit Stalins Verbrechen bequemte, deren Teil er selber war.

Ungewöhnlich deutlich rechnete Nikita Chruschtschow vor 70 Jahren mit Stalin ab, ohne seine eigene Rolle als enger Mitarbeiter des Diktators zu erwähnen.

Trotz verbaler Bekundungen für mehr Demokratie und Mitbestimmung wurde auch in der von der Sowjetunion abhängigen DDR stalinistisches Denken nicht überwunden, weder beim Staats- und Parteichef Walter Ulbricht noch bei seinem Nachfolger Erich Honecker. Die Bilder zeigen Ulbricht mit Stalin und Mao Tse-tung 1952 beim XIX. Parteitag der KPdSU in Moskau sowie im Auto mit Nikita Chruschtschow, der 1964 gestürzt und von Leonid Breschnew abgelöst wurde.
Repros: Caspar
Als am 5. März 1953 der sowjetische Diktator Josef Stalin mit 71 Jahren starb, brach eine neue Ära an, für die das Bild vom Tauwetter gefunden wurde. Aus dem kommunistischen Lager erreichten Treueschwüre, Beileidsbekundungen und Selbstverpflichtungen für neue Höchstleistungen das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Und auch die unter sowjetischer Oberhoheit stehende DDR überschlug sich in Trauergesängen für den im Moskauer Lenin-Mausoleum aufgebahrten Diktator. Jahrzehntelang hatte die Propaganda das Bild vom menschenfreundlichen, allwissenden „Väterchen Stalin“ gemalt, dem allein, und nur ihm allein, der Sieg über Hitlerdeutschland zuzuschreiben ist und der die Welt in eine lichte Zukunft führt. Wer der Propaganda glaubte und nicht von Stalins Verbrechen betroffen war, mag das Märchen rund um den als Halbgott geglaubt haben, der schon bald von seinen eigenen Leuten vom Sockel gestoßen wurde.
Auch deutsche Kommunisten verfolgt
Stalins Tod unterbrach Vorbereitungen für neue Schauprozesse, denn der Kreml-Herrscher mutmaßte, dass sich Ärzte gegen ihn verschworen haben und an sein Leben wollen. Überall witterte er amerikanische Mordgesellen und so genannte Abweichler, die das System stürzen wollen. Die Verfahren wurden nach Stalins Tod eingestellt, später hat man unzählige Menschen rehabilitiert. Unter den vielen erschossenen oder in den Arbeitslagern und Zuchthäusern ums Leben gekommenen Opfern von Stalins Terror waren deutsche Kommunisten, die vor den Nazis in die Sowjetunion geflüchtet waren und dort vom Regen in die Traufe kamen.
Stalin, der Lenin unserer Tage und weise Führer aller Werktätigen, wie er sich gern nennen ließ, hatte seine Nachfolge nicht geregelt, um die sich nach 1953 mehrere Funktionäre bemühten. Bei dem Machtkampf behauptete sich Nikita Chruschtschow, einer der engsten Mitarbeiter des Diktators und drei Jahre später sein prominentester Kritiker. Der ehemalige KP-Chef der Ukraine war Mitglied des Politbüros der KPdSU und damit an der sowjetischen Innen- und Außenpolitik unter Stalin beteiligt. Er bootete den langjährigen Geheimdienstchef Lawrentij Berija aus, der sich die Hände besonders blutig gemacht hatte und Ende 1953 auf Befehl seiner Genossen erschossen wurde.
Mehr als nur Personenkult
Stalin starb in der Zeit des Kalten Kriegs, einer höchst gefährlichen Konfrontation zwischen Ost und West. Die neuen Kreml-Herren waren nicht bereit, ehrlichen Herzens mit ihrem bisherigen Idol ins Gericht zu gehen. Jedes klärende Wort würde auf sie zurückfallen, deshalb wurde nebulös von Personenkult und Verletzung der sozialistischen Gesetzlichkeit gesprochen und die Schuld an den Verbrechen auf Stalin, Berija und einige andere inzwischen tote Henkersknechte abgewälzt. Doch dass sich hinter dem Personenkult viel mehr verbarg, ließ sich auf Dauer nicht unterdrücken. In internen Parteizirkeln und in der Öffentlichkeit nahm man zur Kenntnis, dass Lenin, der Gründer des Sowjetstaates, vor dem intoleranten, aufbrausenden, machtgierigen Politiker gewarnt hatte. Er sei daher für seine Nachfolger in der Parteiführung ungeeignet, schrieb Lenin. Erst unter Michail Gorbatschow, der 1985 Parteichef wurde, wagte man im Zuge von „Glasnost und Perestroika“, auch öffentlich auf diese von Stalin unterdrückten Warnungen hinzuweisen und die Millionen Toten aufzurechnen, die auf sein Schuldkonto gingen.
Geheimrede im Westen publiziert
In seiner Geheimrede sprach der neue Parteiführer Nikita Chruschtschow vor 70 Jahren, am 25. Februar 1956, auf dem XX. Parteitag der KPdSU vorsichtig nur von Personenkult, Dogmatismus und Rechtsbruch unter Stalin. Er zitierte die „Klassiker des Marxismus-Leninismus“, denen zufolge es unzulässig sei, „eine einzelne Person herauszuheben und sie in eine Art Übermensch mit übernatürlichen, gottähnlichen Eigenschaften zu verwandeln. Dieser Mensch weiß angeblich alles, sieht alles, denkt für alle, vermag alles zu tun, ist unfehlbar in seinem Handeln. Eine solche Vorstellung über einen Menschen, konkret gesagt über Stalin, war bei uns viele Jahre lang verbreitet“, erklärte der Redner, der selber an dem Mythos gearbeitet hatte und sich nun zum neuen Halbgott erheben ließ. Die Rede wurde nicht veröffentlicht, die Parteitagsdelegierten durften keine Notizen machen. Sie wurde aber den Parteiorganisationen im Lande zur Kenntnis gegeben und gelangte auf Umwegen ins westliche Ausland, wo sie zum Entsetzen der Sowjetführer publiziert wurde. Chruschtschow beschrieb, wie verdienstvolle Politiker und Militärs verhaftet, gefoltert, vor Gericht gestellt und erschossen wurden und der „Damnatio memoriae“ unterworfen wurden. Stalin habe Todesurteile festgelegt, bevor die Schauprozesse gegen ehemalige Mitstreiter begannen. Die Häftlinge seien gefoltert und geschlagen, um sie zu „Geständnissen“ zu nötigen, und ihre Angehörigen wurden in Sippenhaft genommen.
Schauprozesse, Massenhinrichtungen, Arbeitslager
Seine rhetorische Frage, „wie sich allmählich der Kult um die Person Stalins herausgebildet hat, der in einer bestimmten Phase zur Quelle einer ganzen Reihe äußerst ernster und schwerwiegender Entstellungen der Parteiprinzipien, der innerparteilichen Demokratie und der revolutionären Gesetzlichkeit wurde“, beantwortete der frühere Handlanger des Diktators nicht, denn er hätte bei sich anfangen und seine Rolle in der Parteiführung kritisch hinterfragen müssen.
Über Stalin seien „zu seinen Lebzeiten eine völlig ausreichende Anzahl von Büchern, Broschüren, Studien verfasst (worden). Allgemein bekannt ist die Rolle Stalins bei der Vorbereitung und der Durchführung der sozialistischen Revolution, während des Bürgerkrieges sowie im Kampf um die Errichtung des Sozialismus in unserem Lande. Darüber wissen alle gut Bescheid“, sagte Chruschtschow, der keinen Grund sah, die Lobeshymnen zu wiederholen. Die ganze Wahrheit über die Schauprozesse und Massenhinrichtungen, die Bolschewisierung der Landwirtschaft und Industrie, die Liquidierung der geistigen Elite des Landes, die Umsiedlung von ganzen Völkerschaften, die Fehler Stalins als Militärführer sowie die Annexion und Unterdrückung jener Länder, die unter seine Fuchtel gerieten – das alles durfte unter Stalins Nachfolgern, von Gorbatschow nach 1985 abgesehen, nur mit schwammigen Umschreibungen angesprochen werden.
8. März 2026