Zügellose Lobhudelei - SED-Führer wollen von Stalins Verbrechen nichts gewusst haben (Entstalinisierung Teil 2)

Nach dem XX. Parteitag 1956 in Moskau hatte die unselige Glorifizierung des sowjetischen Massenmörders ein Ende. In der DDR wurden mit Verzögerung und unwillig Stalinbilder, vor denen Junge Pioniere posieren, abgehängt.

Nach den Enthüllungen 1956 auf dem XX. Parteitag der KPdSU wurde Stalin nicht mehr als „Klassiker des Marxismus-Leninismus“ verehrt. Die führenden Genossen mit Ulbricht und Honecker an der Spitze haben sich jedoch nie ganz von ihrem Idol und seiner Politik gelöst.

Um der Oppositionsbewegung in der DDR den Wind aus den Segeln zu nehmen, verbot Honecker 1988 das sowjetische Magazin „Sputnik“, das neues Wissen über Stalins Verbrechen verbreitete und in der DDR fleißig gelesen wurde. Wer dort mit Solschenizyns Buch über das Straflagersystem bei Stalin und danach und ähnlicher Literatur erwischt wurde, bekam es mit der Stasi und der Justiz zu tun.

Ganz im Geiste seines großen Vorbilds Josef Stalin ließ sich SED-Chef Walter Ulbricht als großer Macher und Planer verherrlichen. Die in West-Berlin erscheinende Satirezeitschrift „Tarantel“ sah ihn ganz anders und zeigt , wie er sich vergeblich, von Pleitegeiern beobachtet, aus dem Sumpf der selbst verursachten Versorgungskrise zu ziehen versucht.

In Budapest wurde 1956 beim Aufstand gegen das kommunistische Regime das riesige Stalindenkmal gestürzt, übrig blieben nur die Stiefel des Diktators.
Repros: Caspar
Der Personenkult um Stalin habe ungeheuerliche Ausmaße angenommen, sagte Nikita Chruschtschow vor 70 Jahren auf dem XX. Parteitag der KPdSU in Moskau. Mit allen Mitteln habe er die Glorifizierung seiner Person in Wort, Bild und auf andere Weise betrieben, von willigen Helfern unterstützt. Besonders kennzeichnend für die Selbstbeweihräucherung und den Mangel elementarer Bescheidenheit sei, so der neue Sowjetführer, die Herausgabe seiner „Kurzen Lebensbeschreibung", die 1948 erschien. „Dieses Buch ist Ausdruck der zügellosesten Lobhudelei, ein Muster dafür, wie man aus einem Menschen einen Gott macht und ihn in einen unfehlbaren Weisen verwandelt, den ,größten Führer, unübertrefflichen Strategen aller Zeiten und Völker'". Die Lobhudeleien seien von Stalin persönlich gebilligt und redigiert worden. Einige habe er in die Korrekturbögen geschrieben, und er habe die Stellen ausgebaut, „von denen er meinte, dass das Lob für seine Verdienste unzureichend sei.“
Opposition blutig geahndet
Indem Stalin die Rolle seiner Militärs im Krieg gegen Nazideutschland herunterspielte, habe er seine eigene glorifiziert und sich so ein Denkmal für ewige Zeiten gesetzt. Am Wolga-Don-Kanal habe er für sich ein riesige Monument errichten wollen, während gleichzeitig viele Menschen noch in Lehmhütten hausten. Auch habe Stalin den Bau eines als Denkmal für Lenin gedachten Sowjetpalasts in Moskau verhindert und die Rolle von Lenin in der Oktoberrevolution von 1917 und dem Bürgerkrieg danach als zweitrangig dargestellt und die eigene als einzigartig herausgestrichen. Auf die Frage an die Delegierten des XX. Parteitags, wer es gewagt hätte, dem „großen Führer“zu widersprechen, hob sich keine Hand.
Dass es trotz aller Repressalien solchen Mut gab, zeigen die zur allgemeinen Abschreckung durchgeführten Schauprozesse gegen Stalins Widersacher, und auch der heimtückische Mord an Leo Trotzki, der als Kriegskommissar die Rote Armee gründete und mit ihr wesentlich zum Sieg der Bolschewiki im Russischen Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution von 1917 beitrug. Stalin und seine Leute taten alles, das Andenken an den engen Kampfgenossen von Lenin auszulöschen, und wenn sein Name fiel, so wurde er mit den schlimmsten Anschuldigungen belegt. Stalins Agenten ermordeten 1940 den im mexikanischen Exil lebenden Trotzki. Der Kampf gegen die des Trotzkismus bezichtigten Abweichler war in den 1930er Jahren die Grundlage für eine blutige Säuberungswelle ausgegeben, die nach dem Krieg fortgeführt wurde.
„Überwundene Etappe im Leben des Sowjetlandes“
In einem auch im Ostberliner Zentralblatt der SED „Neues Deutschland“ am 3. Juli 1956 veröffentlichen „Beschluss des Zentralkomitees der KPdSU über die Überwindung des Personals und seiner Folgen“ wurden die Untertanen von Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck in großen Zügen darüber informiert, was es mit dem Kult um die Person von Stalin zu tun hat, der als eine „überwundene Etappe im Leben des Sowjetlandes“ ausgegeben wurde. Die Information schlug wie eine Bombe ein. Das hatte kaum jemand, von Opfern des Stalinismus abgesehen, für möglich gehalten. Doch erst einmal wurden die feindlichen Staaten unter Führung der USA angegriffen, die angeblich den Personenkult zum Vorwand nehmen, um gegen die Sowjetunion und ihre Friedenspolitik zu hetzen. Von einer breiten antisowjetischen Verleumdungskampagne ist die Rede und dass „reaktionäre Kreise gewisse Tatsachen, die mit dem von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion verurteilten Kult mit der Person J. W. Stalins zusammenhängen, auszunutzen versuchen.“ Dass Sowjetführer und ihre Ableger in den „Bruderstaaten“ an den Verbrechen beteiligt waren, war nur in westlichen Rundfunksendungen zu hören.
Schwerer Schatten auf Ulbricht & Co.
Als 1961 das Stalindenkmal in der Berliner Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee, abgebaut, Stalinstadt in Eisenhüttenstadt umbenannt, Stalinbilder abgenommen und Stalinparolen überpinselt wurden, glaubten SED-Führer Walter Ulbricht, sein Adlatus und 1971 Nachfolger Erich Honecker und andere Stalinisten, sie hätten alles geregelt. Doch Einzelheiten über Stalins Verbrechen, die natürlich auch einen schweren Schatten auf die Politik von SED-Chef Ulbricht & Co. warfen, ließen sich auch im deutschen Osten auf Dauer nicht verheimlichen. Dafür sorgten schon die westlichen Radiostationen und andere Medien, die die Rede von 1956 verbreiteten.
Am 17. Juni 1953 wurden in der DDR beziehungsweise 1956 später in Ungarn und Polen und 1968 auch in der damaligen ČSSR Volksbewegungen für mehr Demokratie und Überwindung stalinistischer Verkrustungen blutig niedergeschlagen. Das und andere Maßnahmen retteten das SED-Regime und andere kommunistische Systeme nicht vor dem Untergang, den die epochale Rede von Nikita Chruschtschow vor 70 Jahren einläutete.
Diktator erlebt Wiedergeburt
Bliebe noch zu sagen, dass im heutigen Russland nach Jahren des Schweigens der als Symbol für Kraft und Größe gelobte Diktator aus der Versenkung geholt wird. Die 1989 unter der von Gorbatschow ausgegebenen Parole „Glasnost und Perestroika“ gegründete und 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Organisation MEMORIAL ist im Russland des Wladimir Putin verboten.Putin und seine Leute tun alles, um die einstige Größe der Sowjetunion mit Waffengewalt sowie politischen und geheimdienstlichen Maßnahmen wiederherzustellen.
Wie aus dem heutigen Russland zu hören ist, erlebt Stalin seine Wiedergeburt. Nach 1956 gestürzte Stalindenkmäler werden aufgerichtet, neue kommen hinzu. Es gibt auch Spielfilme und Bücher, die den Diktator als weitsichtigen Staatenlenker verherrlichen schildern und seine Verdienste im Großen Vaterländischen Krieg, also im Krieg gegen Nazideutschland, über den grünen Klee loben, so wie es bereits unter Stalin getan wurde. Indem Symbole des Stalinismus ans Tageslicht geholt und mit Blumen bedeckt werden, werden Stalins Opfer verhöhnt und ihre Hilfsorganisationen verboten.
Der 2018 auch in Deutschland mit großem Erfolg gezeigte Streifen „Stalins Tod“ schildert angelehnt an wirkliche Begebenheiten, wie sich engste Genossen einschließlich Nikita Chruschtschow und Berija vor dem Diktator zum Affen machen und ihn, als er nach einer Sauferei ins Koma gefallen war, ohne ärztliche Versorgung sterben lassen, weil sie Angst haben, er könne aufwachen und an ihnen Rache nehmen. Die Filmkomödie wurde in Russland, wie sollte es anders sein, als angeblicher Angriff auf die Ehre des Landes verboten.
9. März 2026