Menschen, Tiere, Sensationen - Ein in Nürnberg zur Schau gestelltes Nashorn wurde 1748 auf Medaillen gefeiert

In französischer Sprache wird auf der Nürnberger Zinnmedaille von 1748 vermerkt, dass das aus Asien stammend Rhinozeros in Stuttgart 5000 Pfund auf die Waage bringt, pro Tag 60 Pfund Heu und 20 Pfund Brot frisst und 14 Eimer Wasser trinkt.

Dass Albrecht Dürer 1515 das als Indien stammende Panzernashorn als Holzschnitt verbreitete, hatte einen praktischen Grund, denn vom Holzstock konnte man mehr, schneller und billiger Abzüge herstellen als es mit Kupferstichen möglich war.

Ein furchterregender Stiermensch, der auch Minotaurus genannt wird, schmückt die Didrachme der Stadt Gela an der Südküste von Sizilien. Elefanten waren in der antiken Welt als Kriegs- und Transportiere nicht unbekannt. Der unter Julius Caesar um 49/48 vor Christus geprägte Denar zeigt, wie ein Rüsselträger eine Schlange zertritt. Mit ihr waren die Feinde des zur Alleinherrschaft strebenden Feldherrn gemeint.

Die Hansestadt Rostock schmückte ihre Münzen mit dem Greifenwappen, hier auf einem Taler von 1609.

Venedig wählte den Markuslöwen zu seinem Symbol, und Greifen bewachen auf dem Taler von 1770 das Wappen der Habsburger-Monarchie.

Mansfelder Georgstaler und vor allem die mit dem Spruch „Bei Gott ist Rat und Tat“ waren als Amulett begehrt. Ihnen wurde die Kraft angedichtet, vor bösem Blick, Krankheit und Todesgefahr auf dem Schlachtfeld zu schützen.
Fotos: Caspar
Tiere aus fernen Ländern, die sich in unseren Zoologischen Gärten tummeln und nicht selten dort vor dem Aussterben bewahrt werden, waren vor einigen hundert Jahren eine große Sensation. Um sie zu bestaunen, nahmen die Leute oft lange Wege in der Kutsche, auf dem Pferd oder zu Fuß in Kauf. In fürstlichen Menagerien lebten Löwen, Tiger, Giraffen, Kamele, Affen, Papageien und andere Exoten, und auch auf Jahrmärkten konnte man sie für einen kleinen Obolus bestaunen.
Der Nürnberger Maler und Grafiker Albrecht Dürer hat ein solches Tier 1515 gezeichnet und als Holzschnitt verbreitet. Dürer hat es wohl nicht „nach dm Leben“ gezeichnet, denn es hat ihm Panzerplatten angedichtet, die den Eisenrüstungen von Rittern nicht unähnlich sind. Die Beschreibung betont, das aus Indien stammende, wie ein Ritter gepanzerte Tier könne mit seinem starken Horn einen Elefanten am Bauch aufreißen. Es sei so gewappnet, dass ihm dieser „Todfeind“ nichts antun kann. Im Falle eines Nashorns, das in 1748 in Nürnberg gezeigt wurde, hat man sogar Medaillen als Andenken geprägt. Der Numismatiker Hubert Emmerig hat nicht weniger als 18 sehr ähnliche Ausgaben aus Silber und Zinn gezählt, was auf starke Nachfrage deutet.
Beliebtes Sammelgebiet
Die hier vorgestellten Medaillen aus Zinn waren für minderbemittelte Käufer bestimmt. Bei genauem Hinschauen erkennt man auf den mit dem vom vielbeschäftigten Nürnberger Meister Peter Paul Werner mit P. P. Werner signierten Arbeiten einen kleinen, aus Kupfer gebildeten roten Fleck. Er ist ein Zeichen dafür, dass ein so genannter Kupferstift vor dem Prägen eingesetzt wurde, um zu zeigen, dass die Medaillen nicht aus Silber, sondern aus dem billigeren Kupfer bestehen. Sie gehören in das beliebte Sammel- und Forschungsgebiet „Tiere auf Münzen und Medaillen“, dessen früheste Belegstücke bis weit in die Antike zurück reichen.
In ihrem Buch die „Medaillen und Schaummünzen auf Ereignisse in der Reichstadt Nürnberg 1521 bis 1806“ (Verlag Germanisches Nationalmuseum Nürnberg 2024) beschreiben Dieter Fischer und Hermann Maué auch die Rhinozeros- oder Nashornmedaillen, die vom Verleger Georg Nikolaus Riedner vertrieben wurden. Sie zeigen das Tier unter der strahlenden Sonne und einem Wolkenhimmel in einer Landschaft mit Palmen. Die achtzehnzeilige Inschrift auf der Rückseite Medaille erklärt: „Wahre Abbildung eines lebendigen Rhinoceros, oder Nashorns, so im Jahr 1741, als es drey Jahre alt ware, mit dem Schiff Knabenhof aus Bengalen nach Holland überbracht worden. Es ist solches in Asia in dem Gebiet des großen Moguls. In der Landschaft Asem gefangen worden. Im Jahr 1748. ist es in Stuttgart gewesen und befunden worden 5 Schuh 7: Zoll hoch. 12. Schuh lang und 12 Schuh dick. Und hat gewogen 5000 Pfund.“
Rundreise durch Europa
Kapitän Douve Janzoon Mout van der Meer hatte das Nashorn von Jan Albert Sichtermann, dem Direktor der holländischen Ostindien-Kompanie für die Region Bengalen erhalten, der es 1738 als junges Tier geschenkt bekommen hatte und es in seinem Anwesen frei herumlaufen ließ, schreiben die Verfasser des Nürnberg-Katalogs. Nach zwei Jahren aber war Nashorn schon so groß, dass es erheblichen Schaden anrichtete. Sichtermann sah sich gezwungen, sich von ihm zu trennen. Der neue Besitzer van der Meer brachte das Nashorn auf dem Wasserweg nach Europa und begann 1746 eine mehrjährigen Besichtigungstour, die ihn nach Danzig, Krakau, Wien, Neapel, Marseille, Paris, Stuttgart, Nürnberg und viele andere Städte führte. Die Reise war umständlich, muss aber recht einträglich gewesen sein, sonst hätte sich der Kapitän und sein Nashorn nicht dieser Mühen unterzogen.
Nashörner waren in Europa nicht unbekannt, ihr Aussehen wurde auf Flugblättern verbreitet. Zwischen 1515 und 1799 kamen acht dieser Exoten, wie man sagte, nach Europa. Der Besitzer des in Nürnberg gezeigten Nashorns ließ Werbemedaillen von dem viel beschäftigten und auf zahlreichen Nürnberger Prägungen vertretenen Peter Paul Werner herstellen, um sie als Erinnerungstücke zu verkaufen. Die Beschreibungen auf den Medaillenrückseiten sind in deutscher, französischer und italienischer Sprache abgefasst. Sie nennen als Stationen der Rundreise auch noch Ansbach, Nürnberg, Straßburg und Stuttgart. Wenn die Medaillen von Münzhandel angeboten werden, dann sind es zumeist Ausgaben aus Zinn, die silbernen Versionen scheinen selten zu sein.
Gaffende Menschenmenge
Transportiert wurde das Nashorn in einem sicheren geschlossenen Wagen, der von zwölf Ochsen oder 20 Pferden gezogen wurde. Nach der Station in Augsburg konnte man das Nashorn 1748 in Nürnberg bestaunen. In Würzburg gab man ihm den Namen „Jungfer Clara“. Zehn Jahre später starb es bei seinem Aufenthalt in London. Dass die Reisen auf holprigen Straßen und die Präsentation vor einer gaffenden Menschenmenge für die Tiere puren Stress bedeuteten, war damals nicht der Rede wert. Heute ist artgerechte Haltung in Zoologischen Gärten obligatorisch, und wenn das im Zirkuswesen und bei Privatleuten nicht der Fall ist, läuten die Alarmglocken.
Neben real existierenden Exoten wie Löwen, Elefanten und Nashörnern gab es auch gräuliche Mischwesen in menschlicher und tierischer Gestalt. Sich mit ihnen zu befassen, ist ein spannendes Thema, für das der Münzhandel viele interessante Angebote bereit hält. Münzen der Antike sind mit ihnen bevölkert, denken wir an das Dichterross Pegasus auf Geldstücken von Syrakus oder den bärtigen Centauren auf Münzen der Stadt Gela. Doppelköpfige Adler, feuerspeiendem Drachen sowie Meeresungeheuer wie Seelöwen mit einem Fischschwanz finden sich ebenfalls auf antiken und neuzeitlichen Münzen. Dass die Stempelschneider Götter- und Heldenfiguren sowie aus der „heidnischen“ Antike stammende Chimären verwendeten, die nichts mit christlicher Kunst und Überlieferung zu tun haben, scheint keinen Anstoß erregt zu haben.
Hahn mit Schlangenkörper
Schauen wir Gepräge aus Basel an, dann erkennen wir auf ihnen einen Basilisken, ein schauriges Monstrum aus der antiken Mythologie mit dem Oberkörper eines Hahns und dem Körper einer Schlange. Ihm wurde nachgesagt, dass sein Blick versteinernd wirkt und sein Atem giftig ist. Indem der Basilisk das Baseler Wappen bewacht, hält er Feinde von der Stadt fern, lautet die Botschaft. Beliebt sind auch Greifen auf badischen, pommerschen, Rostocker und anderen Münzen. Das aus der Antike übernommene Fabeltier besitzt einen Adlerkopf, Flügel und Krallen und den Leib der Löwen. Historiker deuten Greifen als Symbolwesen für die Luft (Adler) und die Erde (Löwe). Drachen, die Flammen speien, sind auf chinesischen, russischen, englischen, mansfeldischen und weiteren Geprägen vertreten. Bei den Chinesen spielen die Feuerspucker als Glückssymbol und Zeichen der kaiserlichen Herrschaft eine herausragende Rolle. Der Kaiser besetzte in der Verbotenen Stadt den Drachenthron, und wer zu ihm gerufen wurde, konnte oft nicht wissen, ob er den Palast lebendig oder tot verlässt. Auch Japan kennt Münzen mit dem Drachensymbol.
Das Wormser Schlüsselwappen wird von einem oder zwei Drachen bewacht. Der Bezug zur Nibelungensage, in der der grässliche Lindwurm eine Rolle spielt, ist unverkennbar. Auch Rostock führt den als Greifen gedeuteten Drachen im Wappen, und auf den Magdeburger Interimstalern sieht man, wie der Gottessohn dem Teufel in der Gestalt einer vielköpfigen Hydra widersteht. Wenn der auf einem Pferd sitzende Heilige Georg den Drachen mit einer Lanze niedersticht, dann symbolisiert das Bild den Sieg der christlichen Religion über das Reich der Finsternis, in dem der Teufel regiert. Aus diesem Grund waren auch Mansfelder Georgtaler mit der Aufschrift „Bei Gott ist Rat und Tat“ als Amulette und Schutz vor Tod, Krankheit und „bösem Blick“ beliebt. Als Preußen 1915 die bekannten Mansfelder Dreimarkstücke prägte, wurden einige Exemplare an Soldaten in der Hoffnung verschickt, sie mögen deren Leben und Gesundheit bewahren. Auf hohenlohischen, sizilianischen und weiteren Münzen kommt der mythische Vogel Phönix vor, der nach der Sage am Ende seines Lebens verbrennt, um aus seiner Asche neues Leben zu erlangen. Die Redewendung „Wie ein Phönix aus der Asche“ umschreibt die Wiedergewinnung einer Sache, die als verloren angesehen wird, und ihre glänzende Neugeburt. Wenn man mit einiger Mühe diese und weitere Belegstücke aufspürt, kann man eine interessante Spezialsammlung anlegen.
5. Februar 2026