Drachen, Mücken, Pelikane - Taler aus Braunschweig zeichnen sich durch besondere Themenvielfalt aus



Der geflügelte Markuslöwe und das Einhorn schmücken den undatierten Scudo aus Venedig und den Doppeltaler des Königreichs Hannover aus dem Jahr 1866.



Das im Fußboden der Marienkapelle des St. Hedwigskrankenhauses in Berlin eingelassene Mosaik charakterisiert den Pelikan als Retter seiner Brut.



Der braunschweigische Pelikantaler von 1599 zeigt unter dem Motto PRO ARIS ET FOCIS die gleiche Szene. Wie der Pelikan seine Jungen mit dem eigenem Blut am Leben erhält, so mögen sich auch die Mächtigen dieser Welt uneigennützig für ihr Land und Untertanen einsetzen, selbst wenn es das eigene Blut kostet.



Historiker deuten den Greif – hier auf Rostocker Kleinmünzen - als Symbol für die Luft (Adler) und Erde (Löwe). Das Mischwesen aus Vogel und Löwe mit Pferdefüßen gilt als Inbegriff von Stärke, Mut und Tapferkeit.



Wie aus zeitgenössischen Quellen hervor geht, handelt es sich bei den Insekten auf dem Mückentaler von 1599 nicht um Wespen, weshalb der Name Wespentaler nicht zutrifft.



Adler schmücken in der Wartburg bei Eisenach aus dem 12. Jahrhundert stammende Säulenkapitelle.



Von der Mansfelder Drei-Mark-Münze mit dem alten Talern nachempfundenen Heiligen Georg wurden 1915 wegen des Silbermangels im Ersten Weltkrieg statt der geplanten 700 000 Exemplare nur 30 000 Stück geprägt.

Fotos: Caspar

Darstellungen merkwürdiger Mischwesen
in menschlicher und tierischer Gestalt gab es schon im Vorderen Orient und der klassischen Antike sowie in anderen Kulturen. Manche Fabelwesen sind auch auf Münzen und Medaillen dargestellt. Sich mit ihnen zu befassen, ist ein spannendes Thema, für das der Münzhandel viele interessante Angebote bereit hält. Auf unzähligen Geprägen sind sie zu finden, denken wir nur an hannoversche und englische Belegstücke mit Pferden, die ein Horn auf der Stirn tragen und daher Einhorn genannt werden, oder an die Republik Venedig, die den geflügelten Markuslöwen zu ihrem Symbol machte, weil dort die Reliquien des Evangelisten Markus aufbewahrt werden. Das machte die Seefahrerrepublik zu einem beliebten Pilgerort, und so werden auf venezianischen Münzen Dogen gezeigt, die ein Banner aus den Händen des in der Stadt an der Adria besonders verehrten Heiligen empfangen.

Pegasus und Jungfrauenadler
Münzen der Antike sind bevölkert mit Mischwesen wie dem Dichterross Pegasus, mit dem Münzen von Syrakus auf Sizilien geschmückt sind, oder dem bärtige Centauren auf Münzen der Stadt Gela ebenfalls auf Sizilien. Doppelköpfige Adler, Drachen mit feuerspeiendem Maul sowie Meeresungeheuer wie Seelöwen mit einem Fischschwanz finden sich ebenfalls auf antiken und neuzeitlichen Münzen. Auf Nürnberger und weiteren Geldstücken erscheinen so genannte Jungfrauenadler mit Frauenkopf, und wilde Männer tun auf braunschweigischen, pommerschen, preußischen, schwarzburgischen, dänischen und anderen Geprägen Dienst als Beschützer und Wappenhalter. Dass Münzen und Medaillen antike Götter- und Heldenfiguren wie Jupiter, Herkules , Mars, Merkur Venus und Fortuna sowie grässliche Fabel- und Mischwesen verwendeten, die nichts mit christlicher Überlieferung zu tun haben, scheint keinen Anstoß erregt zu haben.
Die Numismatik und Heraldik (Wappenkunde) kennt Löwen als Symbole für unüberwindliche Stärke vor, Elefanten signalisieren Weisheit, Macht und Stärke und wurden den damals bekannten Kontinenten Asien und Europa zugeordnet. Den dänischen Königen war der Rüsselträger so wichtig, dass sie einen nach ihm benannten Orden stifteten und sich bis heute mit ihm schmücken. Bienen verkörpern Fleiß und Ausdauer. Sie alle gehören in das Sammelthema „Tiere auf Münzen und Medaillen“, für das der Münzhandel interessante Angebot bereit hält.

Basilisk mit giftigem Atem
Schauen wir Gepräge aus Basel an, dann erkennen wir auf ihnen einen Basilisken. Diesem schaurigen Mischwesen aus der antiken Mythologie mit dem Kopf eines Hahns und dem Körper einer Schlange wurde nachgesagt, dass sein Blick versteinernd wirkt und sein Atem giftig ist. Indem der Basilisk das Baseler Wappen bewacht, hält er Feinde von der Stadt fern, lautet die Botschaft. Beliebt sind ferner Greifen auf badischen, pommerschen, Rostocker und anderen Münzen. Das aus der Antike übernommene Fabeltier besitzt einen Adlerkopf, Flügel und Krallen und den Leib des Löwen. Wie Greifen sind auch feuerspeiende Drachen auf chinesischen, russischen, englischen und weiteren Geprägen in reichlichem Maße vertreten. In der christlichen Kunst ist zu sehen, wie der Heilige Georg das Symbol der Unterwelt niedersticht. Ganz anders ist es in China, wo der Drache als Glückssymbol und Zeichen der kaiserlichen Herrschaft in der bildenden Kunst und auf Münzen einen ehrenvollen Platz einnimmt.
Wer sich mit den Geprägen der silberreichen braunschweigischen Herzogtümer befasst, findet einen numismatischen Kosmos, in den einzudringen nicht ganz leicht ist. Die Herzöge besaßen ertragreicher Silbergruben im Harz, die sie ausgiebig für die Ausgabe von Talern und kleineren Werten sowie für Medaillen nutzten. Ähnlich wie die sächsischen Kurfürsten, die solche Lagerstätten im Erzgebirge ausbeuteten, und andere Herrschaften haben die der Dynastie der Welfen angehörenden Braunschweiger einfache und mehrfache Taler zu allen möglichen Begebenheiten geprägt und damit Werbung in eigener Sache gemacht.

In der Literatur gut dokumentiert
Neben den in vielen Versionen hergestellten Wildemanntalern gibt es die Eintrachts-, Glocken- und Glückstaler, die Jakobs-, Licht-, Luftpumpen-, Lügen-, Pelikan-, Pfaffenfeind-, Rebellen-, Schiffs-, Wespen- und viele andere nach ihren Bildern benannte Ausgaben. Diese Münzen in allen Varianten zu bekommen und auch ihren Sinn zu ergründen, ist eine schwer zu schaffende Lebensaufgabe. Sie sind in der numismatischen Literatur gut dokumentiert, und wenn sie ab und zu im Münzhandel angeboten werden, sind ihnen gute Preise sicher.
Seit dem späten 16. Jahrhundert taten sich braunschweigische Herzöge mit Talern hervor, die auf Zeitereignisse reagieren. Ein schönes Beispiel ist der Mückentaler, den Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel, der „Erfinder“ der riesigen Juliuslöser, im Jahr 1599 schlagen ließ. Der Name bezieht sich auf Konflikte, die Heinrich Julius mit adligen Familien ausfocht. Auf der Rückseite sieht man, wie ein Löwe stellvertretend für den Landesherrn von zehn Mücken attackiert wird. Dem König der Tiere, wie man Löwen auch nannte, kann nichts passieren, denn über ihm schwebt der kaiserliche Adler, der ihn beschützt und hilft, Ruhe und Ordnung im Lande wieder herzustellen.

Christliche Tiersymbolik
Zu der Serie gehört der Rebellentaler von 1595 mit der abgekürzten Aufschrift N. M. T (NOLI ME TANGERE (Rühr mich nicht an). Weitere Warnungen lauten übersetzt „Es wird schwer, wider den Stachel zu löcken“ und „Das Leid wird vom Haus des Undankbaren und Aufsässigen nicht weichen“. Dann gibt es den 1596 und 1597 geprägten Lügentaler, bei dem der von einem Engel bekrönte Löwe einen Steinbock zerreißt, womit die gegen Heinrich Julius rebellierende Familie derer von Steinberg gemeint ist. Der Wahrheitstaler von 1597 rät seinen Widersachern „Tue Recht und scheue niemand“ und stellt fest, dass die Wahrheit alle Verleumdung und Lüge besiegt. Dass sich der Herzog für sein Land aufopfert, behauptet der Pelikantaler von 1599. Er spielt auf die Legende an, wonach ein Pelikan seine Jungen mit dem eigenen Blut ernährt. Die Umschrift PRO ARIS ET FOCIS (Für Haus und Herd) fordert den Herzog auf, sich uneigennützig für das Wohl der Untertanen einzusetzen.
An dieser Stelle sei ein Blick auf christliche Tiersymbolik erlaubt. Dazu finden sich in dem von Hannelore Sachs, Ernst Badstübner und Helga Neumann verfassten Lexikon „Christliche Ikonographie in Stichworten“ (7. Auflage Verlag Koehler & Amelang Berlin 1998 ISBN 3-7338-0219-5) zahlreiche Beiträge und auch Bilder. Eine Physiologus genannte naturgeschichtlich-religiöse Schrift aus dem zweiten bis vierten nachchristlichen Jahrhundert verzeichnet etwa 50 reale und fantastische Tiere, Pflanzen und Mineralien.

Taube als Symbol des Heiligen Geistes
Die Palette in dieser Hauptquelle der christlichen Tiersymbolik reicht von Adlern und Affen über Hirsche, Löwen und Pelikan bis zu Phoenix, Schlange, Taube und Wal. Der Adler galt als Symbol der Liebe Gottes, der Macht, Stärke und Schnelligkeit, aber auch des Hochmuts. Laut Physiologus tauchte er in eine Quelle und wurde so zum Symbol von Jesus Christus und der Befreiung der Menschen von den Sünden. Die Taube erscheint in der christlichen Kunst als Symbol des Heiligen Geistes. Sie erscheint bei der Geburt und Kreuzigung Christi als Zeichen der Reinheit und des Friedens. Der Löwe verkörpert Kraft, Stärke und Tapferkeit, aber auch als Symbol des Bösen und des Teufels. Dem Pelikan wurde die Fähigkeit zugeschrieben, durch Öffnen der Brust seine toten Jungen zum Leben zu erwecken. Das machte ihn zum Symbol der Liebe Gottes zu den Menschen, der Erlösung durch den Opfertod Christi und der Nächstenliebe, was ihm einen geachteten Platz in der christlichen Kunst sicherte.
Pferde wurden laut Physiologus als Symbol für die Auferstehung Christi gewertet, spielten auch als Zeichen weltlicher Macht eine große Rolle, wobei der Schimmel das Gute und der Rappe das Böse verkörpern. Zahlreiche Herrscher haben sich als Reiter darstellen lassen; groß ist auch die Zahl von Münzen und Medaillen, auf denen der Heilige Georg, hoch zu Ross sitzend, mit einer Lanze einen Drachen als Verkörperung des Bösen niederstreckt. Im Volksglauben spielen Pferde eine bedeutende Rolle. Angeblich weisen an Hausgiebeln angebrachte Pferdeköpfe Unheil ab. Im Verkehrs- und Kriegswesen sowie der Landwirtschaft haben die Tiere über lange Zeiten eine wichtige Rolle gespielt, weshalb ihre Zucht und Pflege zu allen Zeiten und in allen Ländern hohe Priorität besaß und etwa in Berlin Ende des 18. Jahrhunderts zum Bau einer speziellen Klinik führte, in der es den Tieren besser erging als den armen Menschen, die in ihrer Umgebung in elenden Hütten hausten.

6. Januar 2026