Goldmünzen wurden eilig verpackt - Preußische Beamte sicherten vor 220 Jahren Schätze vor dem Zugriff der Franzosen

Im Berliner Schloss waren die kurfürstliche, ab 1701 königliche Kunstkammer und das Münzkabinett untergebracht.

Friedrich II., der Große, ließ für sein Münzkabinett und weitere Altertümer im Park von Sanssouci den Antikentempel errichten, der aber nur in Ausnahmefällen und gegen Geldzahlung Besuchern offen stand.

Ausgestattet mit dem angemaßten „Recht des Siegers“, fand Napoleons Kunstexperte Dominique Vivant Denon in den besetzten Staaten, was dem Louvre noch fehlte. Die Grafik zeigt, wie Denon die Ergebnisse der napoleonischen Raubzüge in Büchern notiert. Die Spindelpresse im Vordergrund deutet an, dass Napoleons Kunstexperte auch Direktor der Monnaie de la Médaille in Paris ist.

König Friedrich Wilhelm III. und seine Untertanen mussten nach 1806 die schmachvolle Behandlung durch die siegreichen Franzosen geduldig ertragen. Sie harrten in der Hoffnung auf Revanche aus, die in den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 erfolgte. Die Karikatur nimmt den vom Thron gejagten Napoleon I. als Kunsträuber satirisch aufs Korn.

Da keine detaillierten Informationen darüber vorliegen, welche antiken Münzen 1806 vor dem Zugriff von Dominique Vivant Denon bewahrt wurden und welche Griechen- und Römermünzen 1814 zurück kamen, kann man nur vermuten, dass es sich um solche oder ähnliche heute im Bode-Museum ausgestellte Stücke handelte.

Auf Wunsch werden im Studiensaal des Münzkabinetts die im Tresor befindliche Münzen, Medaillen, Geldscheine und weitere Objekte vorgelegt. Nach und nach wird dieser Schatz durch den Interaktiven Münzkatalog IKMK erschlossen und weltweit nutzbar gemacht
Fotos/Repros: Caspar
Das Berliner Münzkabinett blickt auf eine lange, ins 16. Jahrhundert zurückreichende Geschichte. Die Kurfürsten von Brandenburg und Könige von Preußen hatten großes Interesse, der Sammlung fürstlichen Glanz zu verleihen und dies auch der Welt mitzuteilen. So wurden um 1700 kostbare Folianten mit Beschreibungen und Kupferstichen im Berliner Schloss aufbewahrten Sammlung publiziert. Diese Bücher sind noch heute eine interessante Quelle für die Klärung der Frage, wie die Numismatik in der Barockzeit ritterliche Tugend, wie man damals sagte, gepflegt wurde und wie sie auch der fürstlichen Selbstdarstellung diente. Im 18. Jahrhundert verzeichnete das Königliche Münzkabinett bedeutende Zuwächse. Dank großzügiger Finanzierung von Ankäufen ganzer Sammlungen durch die Hohenzollern konnte es sich bald mit anderen Instituten dieser Art messen.
Alles entwickelte sich gut, dann aber kamen für die Hohenzollernmonarchie und Berlin schwere Zeiten. Im Oktober 1806 erlitten Preußen und Sachsen in der Schlacht von Jena und Auerstedt eine verheerende Niederlage im Krieg gegen das napoleonische Frankreich. König Friedrich Wilhelm III. verlor 1807durch den Vertrag von Tilsit die Hälfte seines Landes und seiner Bewohner, musste sich harter Fremdherrschaft unterwerfen und hatte Kontributionen in Höhe von 140 Millionen Franc zu zahlen. Preußen stand vor dem Staatsbankrott, steuerte aber einen Reformkurs und spielte nach den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 stärker als je zuvor im Konzert der Großmächte eine bedeutende Rolle.
Kunsttransporte zum Pariser Louvre
Im Gefolge des siegreichen Napoleon schwärmten unter der Leitung des Kunsthistorikers, Museumsmannes und Direktor des Monnaie de la Médaille Dominique Vivant Denon Kunsträuber aus und nahmen alles aus den königlichen Schlössern in Berlin und Potsdam mit, was sie für gut, schön und selten hielten. In zwei großem Transporten wurden Gemälde, antike und neuzeitliche Skulpturen, Silbersachen und andere Objekte auf dem Wasserweg über Hamburg nach Paris entführt. Ziel des Kunstraubs war es, die Sammlungen des Louvre zu vervollständigen und so dem Lorbeerkranz des Kaisers ein weiteres Blatt hinzuzufügen, wie man damals sagte.
Wie dem Buch von Julius Friedlaender und Alfred von Sallet „Das Königliche Münzkabinett. Geschichte und Übersicht der Sammlung nebst erklärender Beschreibung der auf Schautischen ausgestellten Auswahl“ (Berlin 1877) zu lesen ist, sorgte der Vorsteher der Antikensammlung und des Münzkabinetts, der Kunstkammer und der Naturaliensammlung Jean Henry, ein reformierter Prediger aus Potsdam, dass die ihm anvertrauten Schätze verpackt und „geflüchtet“ wurden. Friedrich Wilhelm III. hatte diesen Privatbesitz des Königshauses zum Staatseigentum erklärt und ihn auch für wissenschaftliche Bearbeitung geöffnet. Deshalb wurde streng darauf geachtet, dass nichts verloren geht. Friedlaender und von Sallet betonen, Henry habe sich um die Rettung der Münzen größte Verdienste erworben und später erreicht, dass die Sammlungen aus dem Berliner Schloss und aus Potsdam zu einem großen Ganzen vereint wurden. Die Münzen und Gemmen waren bis dahin im Antikentempel Friedrichs II. im Park von Sanssouci ungünstig gelagert. Henry nannte die Aufbewahrung der Schätze in dem abgelegenen durch die umgebenden Bäume verdunkelten und feuchten Antikentempel „bedenklich“, also schädlich und unzumutbar.
Schatz nach Memel verlagert
Am Morgen des 17. Oktober 1806, drei Tage nach der Schlacht von Jena und Auerstedt erhielt Henry den Befehl aufs Schleunigste die Münzsammlung und die Kostbarkeiten der Kunstkammer einzupacken und mit ihnen die Flucht zu ergreifen. Mit weiteren Helfern hat Henry 10.000 bis 11.000 Münzen, 5000 Gemmen und eine Kiste mit Kostbarkeiten der Kunstkammer zum Abtransport vorbereitet. Was nicht in Papier gewickelt wurde, hat man in kleine Säckchen geworfen. Wie Friedlaender und von Sallet weiter bemerken, kam Henry am 19. Oktober 1806, nur von einem Wärter begleitet in Stettin an. Dort revidierte man die in kleinen Fässern verstauten Münzen und umwickelte manche Stücke neu. Eines dieser Fässchen, das in seiner Kutsche aus Platzmangel nicht untergebracht sondern auf dem Dach befestigt war, wurde bei der Weiterfahrt gestohlen. Das betraf österreichische, französische und zum Teil englische Münze im Wert von zwei- bis dreitausend Taler an. Alles übrige brachte kam am 30. Dezember 1806 Memel an der preußisch-russischen Grenze an. Dorthin hatte sich der König mit seine Familie zurück gezogen, weshalb die Berliner spotteten „ Unser Dämel ist in Memel.
Die zurückgebliebenen antiken Münzen und die Kostbarkeiten der Kunstkammer fielen in die Hände der Franzosen. Bei den antiken und neueren Münzen ergaben sich folgende Verluste: 204 größere und kleinere Bildsäulen, Figuren, Büsten und Reliefs aus Marmor und Bronze, 538 Kameen und Gemmen, 6773 römische Bronzemünzen und vier Goldmünzen, 300 moderne Medaillen, 400 Brakteaten und Solidi des Mittelalters sowie1283 andere deutsche Münzen und ein Kasten ungezählter Geldstücke. Die aus Memel nach Berlin zurückgekehrten Münzen wurden der von Wilhelm von Humboldt Unterrichtssektion des Ministeriums des Innern zugeordnet.
Denon wollte Raubgut behalten
Nach der zweiten Einnahme von Paris. 1815 setzen die Sieger der beim ersten Frieden 1814 geübten Langmut gegenüber den Franzosen ein Ende, wie Friedlaender und von Sallet schreiben, und sie forderten kategorisch die Rückgabe aller geraubten Kunstwerke. Das allerdings erwies sich als schwierig, denn König Ludwig XVIII. und Denon weigerten sich, die Stücke herauszugeben, so dass am Ende von den 12363 Münzen nur 8375 nach Berlin zurück kamen. Unter den fehlenden Münzen befanden sich etwa 2000 Römer aus Bronze. Mit großem Kraftaufwand wurden später die Verluste nach und nach ersetzt.
Der Krieg gegen Frankreich war 1814 noch nicht beendet, denn der auf die Insel Elbe verbannte Ex-Kaiser kehrte im März 1815 noch einmal zurück und musste erneut und dann endgültig nieder gerungen werden. Nach der Entscheidungsschlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 und der zweiten Einnahme von Paris setzen die Sieger ihrer Langmut gegenüber den Franzosen ein Ende und forderten kategorisch die Rückgabe aller geraubten Kunstwerke.
Das Berliner Münzkabinett und weitere Sammlungen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von Soldaten der Roten Armee heimgesucht. Im Auftrag des sowjetischen Diktators Josef Stalin nahmen sie in Bunkern und Kellern versteckte Kunstwerke, unter anderem den Pergamonaltar, den Schatz des Priamos sowie zahlreiche Gemälde, Skulpturen und auch das in Kisten verpackte Berliner Münzkabinett mit. Die meisten Beutestücke wurden in den 1950er Jahren unter dem Motto „Der Menschheit bewahrt“ zurückgegeben. Das wurde damals als Freundschaftsgabe an das deutsche Volk, genauer gesagt an die DDR, gefeiert.
Seine Bestände hat das Münzkabinett im 50 Meter langen Tresor im Untergeschoss des Bode-Museum sichert deponiert. Eine Auswahl wird in der Dauerausstellung und in Sonderschauen gezeigt. Nach wie vor vermisst das Münzkabinett seine reichhaltige, in 300 Jahren angelegte Bibliothek, und auch die bedeutende Sammlung der Berliner Münze liegt seit 1945 in russischen Tresoren. Ob diese Bestände, über deren Schicksal und Zustand nichts bekannt ist, eines Tages zurück kehren, steht in den Sternen.
18. Februar 2026