Kommunistische Halbgötter wurden verflüssigt - Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde bekannt, dass viele DDR-Münzen eingeschmolzen wurden



Was sich hinter den Mauern der ehemaligen Reichsmünze am Molkenmarkt, zwischen 1947 bis 1990 VEB Münze der DDR und danach bis zum Umzug nach Reinickendorf in der Staatlichen Münze Berlin abspielte, ist gut aufgearbeitet. Forscher rechnen aber weiter mit neuen Erkenntnissen. Die Aufnahme stammt aus der Zeit um um 1970.



Zu den schönsten Gedenkmünzen der DDR gehören die 1986 und 1977 zu Ehren der Brüder Grimm und von Otto von Guericke geprägten Geldstücke. Der Magdeburger Bürgermeister wurde im 17. Jahrhundert durch seine Experimente mit den Magdeburger Halbkugeln berühmt.



Die DDR machte nicht einmal vor ihren Politgrößen halt. So wurden von 7,6 Millionen Zwanzig-Mark-Stücken mit dem Kopf des Staatspräsidenten Wilhelm Pieck 5,2 Millionen eingeschmolzen. Ähnlich erging es dem gleichen Wert mit dem Bildnis des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, wo von der Auflage von über 2,5 Millionen Stück nur ein Million überlebt haben.



In Windeseile wurde 1968 die eigentlich nicht vorgesehene Silbermünze zu Ehren von Karl Marx geprägt, bei seinem Freund Friedrich Engels ließ man sich 1970 mehr Zeit. Geprägt und eingeschmolzen wurden Marx 76.538/23.392 und Engels 83.615/35.896 Stück.



Die Münzen auf die in der DDR so sehr verehrten Arbeiterführer August Bebel und Wilhelm Liebknecht erlebten 1973 und 1976 Auflagen von über 77.000 beziehungsweise mehr als 54 000 Stück. Davon wurden über 30.000 beziehungsweise 6000 vernichtet.

Fotos: Caspar

Die Münzprägung der DDR ist ein abgeschlossenes Gebiet
und ein für Historiker und Sammler interessantes dazu. Während in der Bundesrepublik Deutschland die vier Münzanstalten Hamburg, Karlsruhe, Stuttgart und München für die Herstellung des Hartgeldes zuständig waren, prägten in der DDR zunächst zwei staatliche Geldfabriken – die Münze in Berlin mit dem Kennbuchstaben A und bis 1953 die in Muldenhütten, die mit dem E zeichnete. Von 1966 bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gab die DDR zahlreiche Gedenkmünzen zu 20, 10 und ab 1968 zu 5 Mark heraus.
Anlässe waren die zur politischen Selbstdarstellung genutzten Staats- und Stadtjubiläen, aber auch Geburtstage und Todestage bedeutender Politiker, Künstler und Wissenschaftler, sofern sie in das ideologische Weltbild der SED- und Staatsführung passten. Außerdem wurden berühmte Bauwerke, Mahnmale und andere Sehenswürdigkeiten auf den Münzen aus Silber und Neusilber dargestellt. Mit ihnen präsentierte sich die DDR als ein weltoffenes Land mit langer humanistischer Tradition und als eines, das so etwas wie die Krone der deutschen Geschichte darstellt und dem im Unterschied zu der als „imperialistisch und militaristisch“ verteufelten Bundesrepublik allein die Zukunft gehört.

Berichtigte Katalogangaben
Wie sich nach dem Ende des zweiten deutschen Staates 1990 herausstellte, stimmten die offiziellen Prägezahlen vorne und hinten nicht. Tonnenweise erlitten frisch geprägte oder auch abgegriffene Geldstücke den Tod im Schmelztiegel. Die erste Veröffentlichung der authentischen Auflagen und der Einschmelzungen erfolgte 1992 im Katalog Nummer 73 der Berliner Münzauktion. Das geschah auf der Grundlage einer ihr am 23. Januar 1992 von der Staatsbank Berlin übermittelten Liste über das im Volkseigenen Betrieb Staatliche Münze am Berliner Molkenmarkt hergestellte Hartgeld. Die Statistik führt die Prägezahlen pro Jahr auf, wobei zwischen Prägefrische, Stempelglanz und Polierter Platte (PP) getrennt wurde. In seit den frühen 1990er Jahren veröffentlichten Katalogen sind die Prägezahlen und die Mengen der eingeschmolzenen Stücke aufgeführt, so dass sich Sammler ein Bild davon machen können, was tatsächlich erhalten geblieben ist.
Bis 1990 wurden in der DDR alles in allem 123 Gedenkmünzen geprägt, und bei vielen lassen sich erhebliche Differenzen zwischen den im DDR-Gesetzblatt veröffentlichten „glatten“ Auflagezahlen wie 50.000 oder 100.000 Stück und den tatsächlich geprägten „krummen“ Zahlen feststellen, die man in allen Münzkatalogen nachlesen kann. Mal wurden die eigenen Vorgaben unterschritten, bei bestimmten Stücken aber hat man die Auflagen übererfüllt, vielleicht weil sie sich besonders gut und devisenträchtig in den Intershop-Läden und überhaupt im Westen verkaufen ließen. Die Gründe für den Umgang mit den eigenen Kurs- und Gedenkmünzen sind unklar, eine „Linie“ ist nicht zu erkennen. Noch in der „Wendezeit“ 1989/1990 wurden viele frisch geprägte Geldstücke eingeschmolzen. Wie Mitarbeiter der Berliner Münze berichten, erfolgte die Maßnahme nicht aus eigenem Antrieb oder nach Lust und Laune, sondern nur auf Anweisung der Staatsbank.

Planlos und hektisch
Die Einschmelzung der nicht in den Handel oder als Prämien an „verdiente Werktätige“ ausgegebenen sowie in die Sammlergruppen des Kulturbundes gelangten Gedenkmünzen bedeutete im Grunde Vernichtung geleisteter Arbeit, welche die in der DDR tonangebenden Marxisten-Leninisten stets dem kapitalistischen System als volkswirtschaftlich unsinnig und unsozial vorwarfen. Selbstverständlich mochte man in der DDR, die sich so viel auf ihre sozialistische Planwirtschaft zugute hielt und chaotische Zustände in ihrer Politik und Wirtschaft weit von sich wies, von solchem Widersinn nicht sprechen.
Dass es selbst im Münzwesen hektisch und planlos zuging, zeigt das Beispiel des Zwanzig-Mark-Stücks von 1968 zum einhundertsten Todestag von Karl Marx, das bei der Planung der Feierlichkeiten und Propagandaaktionen bis hin zu Plakaten und Abzeichen zunächst keine Rolle spielte. Für die Prägung der Silbermünze mit dem Kopf des in der DDR als Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus verehrten Karl Marx blieben nur wenige Wochen. Da sich offenbar nicht alle 76.538 in einem großen Kraftakt geprägten Erinnerungsstücke absetzen ließen und es bei Sammlern und Händlern in der Bundesrepublik sowieso politische Vorbehalte gegenüber den Münzen des zweiten deutschen Staates gab – man war ja noch mitten im Kalten Krieg – wurden 23.392 Exemplare wieder eingeschmolzen. Für Walter Ulbricht, den allmächtigen Partei- und Staatschef, hat man einen Abschlag aus Gold hergestellt, der ins Museum für Deutsche Geschichte und heutige Deutsche Historische Museum gelangte.
Die Vernichtung zahlloser Geldstücke sei „auf höhere Anweisung“ erfolgt, sagte mir vor einigen Jahren der ehemalige Geschäftsführer der Berliner Münze, Hartmut Mielke, der 2007 verstorben ist. Was man der DDR vorwerfe, dass mit Auflagezahlen jongliert wurde, werde überall praktiziert, auch in den westdeutschen Münzanstalten. Die vom DDR-Ministerrat beschlossenen und im Gesetzblatt veröffentlichten Auflagenzahlen seien lediglich „Richtwerte“ gewesen. In der Regel seien sie nicht erreicht worden, weil nicht genügend Ronden zur Verfügung standen. Manchmal habe man bei besserer Materiallage aber auch etwas mehr geprägt. Das Verfahren sei auch bei Münzen der alten Bundesrepublik zu beobachten gewesen. So seien die Olympiamünzen von 1972 nicht vollständig verkauft worden, weshalb man einen Teil wieder eingeschmolzen hat.

LITERATURHINWEIS
Helmut Caspar: Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt. Ein Streifzug durch die Münzgeschichte der Deutschen Demokratischen Republik 1949 bis 1990, Money trend Verlag Wien 2007
Peter Leisering: DDR-Geld. Geldgeschichten aus de DDR, Gietl Verlag Regenstauf 2011

12.Februar 2026