Helmut Caspar
Auf dem Weg zur Münzeinheit
Die mit der Einführung des Euro abgeschaffte Mark
Abb.1
Das alte Römisch-Deutsche Reich, zersplittert in hunderte Fürstentümer, sank unter
den Schlägen der napoleonischen Truppen vor rund 200 Jahren in sich zusammen. Kaiser Franz II. legte 1806 die deutsche Kaiserkrone nieder und nannte sich von nun an Kaiser von Österreich. Nach den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 stand Preußen, das eine Periode einschneidender Reformen zurückgelegt hatte, als
Großmacht und Gewinner da. Mit Österreich und Rußland bildete es die Heilige Allianz, um gegen Liberalität und demokratische Bewegungen einschreiten zu können.
Erscheinungen finsterer Reaktion und die Demagogenverfolgung standen mit Bestrebungen im Widerstreit, aus der altpreußischen Monarchie mit ihrer
ständischen Gliederung einen modernen, straff organisierten Staat und eine europäische
Wirtschaftsmacht zu machen.
Um dies zu erreichen, mußten alte Zöpfe abgeschnitten werden. So stellte sich
Preußen innerhalb des aus zahlreichen Fürstentümern und freien Städten bestehenden Deutschen Bundes an die Spitze von Bestrebungen, die Zersplitterung im Münzwesen sowie bei den Maßen und Gewichten und die Vielzahl von Zollgrenzen zu überwinden. Der Zug zum einheitlichen Nationalstaat setzte sich langsam in Bewegung. Er bekam in der Zeit der 48er Revolution einen neuen Schub, gebremst schon bald von Kräften der Reaktion, die das Gottesgnadentum der Fürsten in Gefahr sahen und es mit Waffengewalt verteidigten.
Berlin entwickelte sich in dieser Zeit langsam von einer verschlafenen Residenz zu einer Großstadt mit allen ihren sozialen und wirtschaftlichen Problemen. In der Nähe des Schlosses, um dessen Wiederaufbau jetzt heftig gestritten wird, entstanden Handwerker- und Proletarierviertel, in denen
das blanke Elend herrschte. Auf der einen Seite höfischer Glanz und der Reichtum der Fabriksbesitzer und Geldmagnaten, die in ihrem Lebensstil mit alten Adelsfamilien wetteiferten, auf der anderen Seite Armut, Krankheit, Unterbeschäftigung. Kinderreiche Familien hausten im Scheunenviertel und den anderen Elendsquartieren auf engstem Raum, Prostitution und Verbrechen waren an der Tagesordnung. Neue Maschinen und die Dampfkraft machten tausende Menschen brotlos. Maschinenstürmerei war die Folge, gelegentlich auch gewaltsames Aufbegehren, das unverzüglich mit
Waffengewalt unterdrückt wurde.
Zeit großer Konflikte
In der Periode der
Industrialisierung, einer Zeit schärfster sozialer Gegensätze und großer Konflikte, wurde immer deutlicher, wie sehr das Nebenherbestehen unterschiedlicher Geldsysteme und die vielen Zollgrenzen den wirtschaftlichen Aufschwung behinderten.
Einsichtige Politiker und Ökonomen forderten die Vereinheitlichung des Münzwesens. Dem kam entgegen, daß nach 1800 die Zahl der souveränen geistlichen und weltlichen Fürstentümer
sowie der Freien und Reichsstädte drastisch reduziert worden war. Dementsprechend verringerte sich die Zahl der Münzen mit ihrer verwirrenden Fülle von Köpfen, Zahlen und Wappen. Nach und nach wurde das Metallgeld durch Banknoten ersetzt.
Angesichts der boomenden Wirtschaft nach den Befreiungskriegen wurde in Preußen der Ruf nach einer Münzreform laut. Die Prägeanstalten liefen auf Hochtouren und wandelten Millionen
eingezogener Silberstücke in neues Geld um. Man prägte jetzt im Ring, und auch das Problem der Reproduktion kompletter Vorder- beziehungsweise Rückseiten durch das Absenken der Ur- in die Arbeitsstempel wurde gemeistert. Jede Münze sah gleich aus, egal, wo sie hergestellt wurde. Eine solche Standardisierung und Gleichförmigkeit stand im Wunschkatalog der Regierungen und Münztechniker von jeher immer obenan. Stellte sie doch dem bösen Tun der Fälscher hohe Hürden in den Weg.
Preußen, die wirtschaftlich stärkste Kraft im Deutschen Bund, hob 1818 die Zollgrenzen innerhalb seiner über ganz Deutschland verstreuten Provinzen auf. Mit dem Münzgesetz vom 30. September 1821 führte König Friedrich Wilhelm III. das von Friedrich II. eingeführte Graumann’sche Münzsystem von 1750 fort und verfügte eine „gleichförmige feste Währung in Gold und Silber in Unseren sämmtlichen Staaten“. Durch Ausprägung einer „hinlänglichen Menge inländischer Gold- und Silbermünzen“ sollten fremde Münzsorten allmählich entbehrlich gemacht und auch gesonderte Prägungen für einzelne Provinzen abgeschafft werden.
Von jetzt an galten in der gesamten Monarchie die gleichen Sorten aus Gold, Silber und Kupfer. Wichtigste Münze war weiterhin der goldene Friedrichs d’or zu fünf Talern und der Silbertaler. Er hatte den Wert von 30 Silbergroschen (bisher 24 Groschen) oder 360 Pfennigen. Durch die
Aufschrift auf der Wappenseite EIN THALER XIV EINE F. MARK wurde erklärt, daß aus der kölnischen Mark zu 233,8 Gramm 14 Taler geschlagen werden.
Zollpfund statt Kölner Mark
Die „krumme“ Gewichtseinheit kölnische Mark war seit Jahrhunderten die einzige Richtgröße, auf
die sich die Münzen der einzelnen deutschen Fürstentümer und prägeberechtigten Städte bezogen. Erst 1857 wurde die Kölner Mark durch das Pfund zu 500 Gramm ersetzt, womit sich Berechnungen besser bewerkstelligen ließen.
Vorgeschrieben waren nach dem preußischen Münzgesetz
von 1821 stets die gleichen Bilder – königlicher Kopf
sowie Adler und/oder Wertangabe. Silber- und Goldmünzen,
ab 1845 auch Kupfergeld, wurden zum besseren Schutz vor
Fälschung und Entwertung durch Befeilen am Rand in der
Ringprägung hergestellt und bekamen auf der Vorder- und
Rückseite Perlkreise als schmückende und schützende
Einfassung.
Wichtigste Prägestätte Preußens war
weiterhin Berlin, wie die Vielzahl der seit 1750 mit dem
„A“ versehenen Münzen beweist. Da einige norddeutsche
Staaten ihre eigene Münzstätten aus Kostengründen
schlossen, ließen sie ihr Hartgeld ebenfalls an der
Spree schlagen. Kenntlich sind auch sie am A, dem
Berliner Münzbuchstaben.
Die Zeit drängte, die
Zersplitterung im deutschen Münzwesen durch vertragliche
Übereinkünfte zu überwinden. Das gelang in mehreren
Stufen und nicht ohne Widerstand einiger Fürsten
innerhalb des Deutschen Bundes, die ihre Souveränität
gefährdet glaubten. Bereits 1833 war unter preußischer
Führung, jedoch unter Ausschluß Österreichs, der
Deutsche Zollverein gegründet worden. Mit ihm
verwandelte sich Deutschland in ein geschlossenes
Wirtschaftssystem mit einheitlichen Münzen, Maßen und
Gewichten.
Die verworrenen Währungsverhältnisse vor
allem im süddeutschen Raum wurden 1837 durch den Wiener
Münzvertrag zunächst zwischen Baden, Bayern, Frankfurt
(Main), Hessen-Darmstadt und Nassau, später mit
Sachsen-Meiningen, Hohenzollern, Hessen-Homburg und
Schwarzburg-Rudolstadt verbessert. Aus der kölnischen
Mark hat man 24 1/2 Silbergulden zu 60 Kreuzern geprägt.
Dabei wurde erstmals in der deutschen Münzgeschichte ein
dezimaler Feingehalt von 900/1000 festgelegt.
Taler
hier, Gulden dort
Bereits ein Jahr nach dem Wiener
Münzvertrag wurde in Dresden ein weiterer Schritt zur
Münzeinheit vollzogen. Vertragspartner waren unter
preußischer Führung Sachsen, Kurhessen, Sachsen-Weimar
sowie die „Guldenländer“ Bayern, Württemberg, Baden,
Hessen-Darmstadt, Nassau und Frankfurt am Main. Mit dem
Vertrag wurden die beiden Münzsysteme innerhalb des
Deutschen Bundes verbunden, wobei man den im
norddeutschen Raum geltenden Taler und den süddeutschen
Gulden in ein festes Verhältnis setzte.
Gemeinsame
Hauptsilbermünze war der Doppeltaler, der 31/2 Gulden
galt. Diese 37,1 Gramm schwere Münze wurde nach
einheitlichen Grundsätzen gestaltet. So wird auf den
Doppeltalern vermerkt, daß sie den Wert von 31/2 Gulden
besitzen und eine Vereinsmünze sind, während umgekehrt
süddeutsche 31/2 Guldenstücke besagen, daß sie den Wert
von zwei Talern besitzen. In Berlin hat man das
Zweitalerstück auch Champagnertaler genannt nach dem
Preis, der für dieses edle Getränk verlangt wurde.

Der Dresdner Münzvertrag war ein Fortschritt und
wurde von den beteiligten Ländern fleißig erfüllt. Doch
war mit ihm noch nicht die Vereinheitlichung des
deutschen Geldes erreicht, etwa auch weil sich die
Hansestädte Hamburg, Lübeck und Bremen sowie
Schleswig-Holstein und die beiden mecklenburgischen
Großherzogtümer noch nicht beteiligten. Die Entwicklung
ließ sich aber nicht mehr aufhalten, der preußische
Vereinstaler drang mehr und mehr in Länder mit eigenen
Münzen vor.
Die durch staatliche Fördermaßnahmen
angetriebene wirtschaftliche Entwicklung in Preußen
führte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu
einer bedeutenden Erweiterung des Geldverkehrs. Mit
Münzen ließen sich viele Geschäfte kaum noch mehr
abwickeln, dazu hätte man viel zu viele schwere
Geldsäcke transportieren müssen. Eine königliche
Kabinettsorder von 1846 erlaubte es der aus der Berliner
Giro- und Lehnbank hervorgegangenen Preußischen Bank,
Geldscheine im Wert von zehn Millionen Talern zu
emittieren. Vorgeschrieben war eine Deckung dieses
Riesenbetrags zu einem Drittel durch Gold- und
Silberbarren sowie durch verschiedene Wertpapiere.
Öffentliche Kassen mußten die Talerscheine annehmen,
Privatleute durften sie verweigern. Daraus lassen sich
Vorbehalte gegen das Bezahlen mit Banknoten ableiten. Da
die Preußische Bank als ein solides Institut auch in
Kriegs- und Krisenzeiten in der Lage war, die
eingelieferten Banknoten mit Metall zu bedienen, also
Papier gegen Gold oder Silber einzuwechseln, verbesserte
sich das Vertrauen in die ja immer noch recht ungewohnte
Geldform.
Neue Einheitswährung
Nach dem
deutsch-französischen Krieg und der Ausrufung des
preußischen Königs Wilhelm I. zum deutschen Kaiser am
18. Januar 1871 wurde im neuen Deutschen Reich die Mark
als Einheitswährung aus der Taufe gehoben. Mit ihr wurde
das Nebenherbestehen von acht Münzsystemen überwunden.
Die von Deutschland als Sieger festgelegten
französischen Reparationsleistungen in Höhe von fünf
Milliarden Francs setzten sich aus Warenlieferungen
sowie Zahlungen in Form von Bargeld, Goldbarren und
Wechseln zusammen.
Der Metall- und Devisenzufluß
ermöglichte es dem Deutschen Reich, eine umfangreiche
Goldmünzenproduktion aufzulegen und die Wirtschaft
anzukurbeln. Nach damaligen Berechnungen lag dahin in
deutschen Banken und Tresoren Gold im Wert von
umgerechnet 245 Millionen Mark, etwa ein Viertel der
französischen Kontributionen. Da das vorhandene Gold
nicht ausreichte, den großen Bedarf an höherwertigen
Zahlungsmitteln zu befriedigen, wurde Privatpersonen
gestattet, ihren Goldbesitz gegen eine kleine Gebühr bei
den staatlichen Prägeanstalten in klingende Münze zu
verwandeln. Angemerkt sei, daß der Versuch, ein goldenes
Dreißigmarkstück, also nach altem Sprachgebrauch ein
Zehntalerstück, und sogar ein goldenes Hundertmarkstück
zu kreieren, nicht verwirklicht wurde.
Die
Frankreich auferlegten Kontributionen sollten innerhalb
von drei Jahren an das Reich gezahlt werden. Zur
Sicherstellung dieser Abgaben blieben die östlichen
Departements Frankreichs von deutschen Truppen besetzt.
In den sogenannten Gründerjahren explodierte die junge
Reichshauptstadt, tausende Zuzügler fanden hier Arbeit,
brauchten Wohnungen. Die ersten Mietskasernenviertel
entstanden. Um eine ordentliche Versorgung zu
gewährleisten, wurden Markthallen und große Kaufhäuser
gebaut. Es entstanden weit verzweigte Unterwelten in
Form von Rohr- und Kanalsystemen zur Versorgung mit
Wasser und Gas und zur Entsorgung von Abwasser und
Abfällen.
In der Kaiserzeit stützten und
durchdrangen Politik und Wirtschaft, Krone und Kapital
waren untrennbar verbunden. Gelegentlich wurde diese
Verquickung deutlich, wenn Schiebereien und Begünstigung
bestimmter Unternehmen in großem Stil ruchbar wurden. Um
dem Kaiser ganz nahe zu sein, verlegten mächtige
Bankiers und Wirtschaftsbosse ihre Wohn- und Firmensitze
nach Berlin, wenn sie nicht schon dort waren. Die
Behrenstraße, wenige hundert Schritt vom Schloß
entfernt, entwickelte sich zu einem bedeutenden
Bankenplatz und ist es heute, nach Zweckentfremdung in
DDR-Zeiten, wieder. Wie die Königliche Münze, so war
auch das Börsengebäude aus der Mitte des 19.
Jahrhunderts an der Burgstraße, auch nicht weit vom
Schloß entfernt, eine Zierde der Residenz. Der große
Börsensaal galt in der Kaiserzeit als einer der
prächtigsten Innenräume Berlins. „Wohl an die
viertausend Personen wirren hier durcheinander, ihr
Rufen, Verhandeln, Sprechen, Schnarren, Hin- und
Hergehen erzeugt ein dumpfbrausendes Geräusch, als ob
man am Meeresstrande weilte... hier die Geldfürsten,
deren Namen in fünf Weltteilen Klang und Geltung haben,
dort sorgsam strebende Banquiers, deren Parole
,Sicherheit und Festigkeit‘ lautet, da kleine und große
Jobber, die frisch drauflos spekulieren...“, heißt es in
einer Reportage aus dem Jahr 1895.
Hanseatische
Tradition
Das Münzgesetz vom 4. Dezember 1871
verfügte die Einführung einer neuen Währung zu Mark und
Pfennig mit den Worten: „Es wird eine Reichsgoldmünze
ausgeprägt, von welcher aus Einem Pfunde feinen Goldes
139 1/2 Stück ausgebracht werden. Der zehnte Teil dieser
Goldmünze wird Mark genannt und in hundert Pfennige
eingeteilt.“ Mit ihrem Namen bezog sich die neue
Währung, die jetzt durch die Einführung des
Eurobargeldes abgeschafft wurde, auf eine sehr
traditionsreiche Silbermünze, die in den Hansestädten
Hamburg, Lübeck, Wismar und Lüneburg geprägt wurde. Als
Münzgewicht ist die Mark seit dem 9. Jahrhundert für
Skandinavien und seit dem 11. Jahrhundert für
Deutschland bezeugt. Im Mittelalter stand die kölnische
Mark zu 233,85 Gramm über allen anderen deutschen
Gewichten. Die Reichsmünzordnung von 1524 erhob sie gar
zum Grundgewicht im Heiligen Römischen Reich Deutscher
Nation.

Bei den Verhandlungen für die deutsche
Münzeinheit im 19. Jahrhundert setzte sich vor allem
Sachsen dafür ein, die zu schaffende Währung Mark zu
nennen. Das entsprach dem Wunsch nach einem Nominal, das
sich schon mit seinem Namen vom Taler oder Gulden
unterscheidet und eine neue Entwicklung markiert. In der
Kaiserzeit bürgerte sich die inoffizielle Bezeichnung
Reichsmark ein, nach dem Ersten Weltkrieg und in der
Inflation 1922/23 sprach man von stabiler Goldmark. Ab
November 1923 hieß die Währung Renten- und schon bald
Reichsmark. Die Mark der Kaiserzeit hielt theoretisch
0,398 Gramm Gold, doch wurde diese Münze natürlich nicht
ausgeprägt, sondern nur Goldstücke zu 20, 10 und 5 Mark.
Die auf kaiserliche Anordnung verfügte Bezeichnung
„Krone“ für das Zehnmarkstück und „Doppelkrone“ für das
Zwanzigmarkstück setzte sich nicht durch.
Könnte man
einen Blick in die Geldbörse eines „Normalberliners“ vor
über hundert Jahren tun, man fände ein buntes
Sammelsurium von Gold-, Silber-, Nickel- und
Kupfermünzen, vielleicht auch noch älteres Hartgeld und
natürlich verschiedene Geldscheine. Offenbar hatte man
Übung im Umgang mit altem und neuem Geld, und wer sich
unsicher war, konnte in zahlreiche Listen und Bücher mit
Umrechnungskursen schauen.
Schatz im Juliusturm
Ein Gesetz von 1871 hatte
bestimmt, im Deutschen Reich eine Goldreserve von 40
Millionen Talern beziehungsweise 120 Millionen Mark
anzulegen. Damit wollte man für außerordentliche
Ausgaben, vor allem die Kriegsfinanzierung, eingerichtet
sein. Die Goldreserve wurde in dem schwer bewachten und
streng gesicherten Juliusturm eingelagert, einem 32
Meter hohen Bauwerk mit 3,6 Meter starken Mauern und
einem Zinnenkranz, der auf Entwürfe von Karl Friedrich
Schinkel zurückgeht. In die mit starken Bastionen,
Kasematten und dem Juliusturm ausgestattete Zitadelle
Spandau aus dem 16. Jahrhundert, eine der besterhaltenen
Anlagen dieser Art in Europa, wurde 1874 der
Reichskriegsschatz eingelagert, der aus einem Teil der
französischen Kriegskontributionen gebildet worden war.
Spandau vor den Toren Berlins besaß seit Jahrhunderten
für den brandenburg-preußischen Staat große militärische
und politische Bedeutung. Hierher wurden in Kriegs- und
Krisenzeiten die Pretiosen und Dokumente der
Hohenzollern geschafft. Die Zitadelle war auch
berüchtigt als Gefängnis, in das auch bei Hofe in
Ungnade gefallene Personen gebracht wurden. „Du kommst
nach Spandow“ war eine bekannte Drohung, um unartige
Kinder einzuschüchtern. Der Schatz im Juliusturm bestand
aus einhundert Millionen Mark in Doppelkronen (20 Mark)
und zwanzig Millionen Mark in Kronen (10 Mark). Die
Goldstücke waren 1873 in einem großen Kraftakt in der
Berliner Münze mit dem Kopf Wilhelms I. geprägt worden.
Das Geld war in 1200 Kisten mit je 100 000 Mark
verpackt. Es wird erzählt, daß bei dem unter strengen
Sicherheitsvorkehrungen verlaufenen Transport von der
Berliner Münze in die Festung Spandau eine Kiste
unbemerkt vom Wagen gefallen ist. Der Finder habe sie
zurückgegeben und sogar auf seine Belohnung verzichtet.
Im Jahr 1913, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, wurde die
Reichsreserve auf 240 Millionen Goldmark verdoppelt.
Diese ungeheure Zahl von Goldmünzen kam aufgrund der
Kriegsereignisse nicht mehr in den Umlauf, denn Gold
wurde mit Kriegsbeginn eingezogen.
Das Zweimarkstück
war ursprünglich nicht vorgesehen. Erst auf Wunsch des
Reichstages wurde es als eine Art Zweidritteltaler oder
Gulden zugelassen und ab 1876 geprägt. Ein neues Nominal
war ab 1908 das Dreimarkstück in Gewicht und Größe des
alten Vereinstalers. Die letzten Dreimarkstücke der
Kaiserzeit wurden 1917 und 1918 in sehr geringer Auflage
geprägt und sind hochbezahlte Sammlerstücke.
Einigen
Münzen war nur ein kurzes Leben beschieden. Das goldene
Fünfmarkstück etwa war mit einem Gewicht von 1,99 Gramm
und einem Durchmesser von 17 mm so winzig, daß es in den
Geldbörsen verschwand, weshalb es ungern im täglichen
Zahlungsverkehr verwendet wurde. Nach 1878 wurde der
goldene Fünfer von den Banken eingezogen, für ihn gab es
ja ein schweres Pendant aus Silber. Verunglückt war auch
ein silberner Zwerg zu 20 Pfennigen, der in Berlin und
anderen Münzstätten zwischen 1873 und 1876, in Stuttgart
bis 1877 geprägt wurde. An seine Stelle trat 1890 und
1892 ein großes Zwanzigpfennigstück aus Kupfernickel,
gefolgt von einem 25-Pfennigstück. Zwischen 1909 und
1912 geprägt, fand diese Nickelmünze wenig Freunde und
floß in die Kassen zurück. Sie endete im Ersten
Weltkrieg in den Schmelztiegeln der Kriegsindustrie, die
auch andere Münzen für Rüstungsgüter aller Art als
Rohstoff benutzte.
Gedenkmünzen ab 1901
Das Münzgesetz von 1871
bestimmte, daß auf der Vorderseite der Geldstücke des
Kaiserreichs das Bild des Landesherren beziehungsweise
das Hoheitszeichen der Freien Städte und auf der
Rückseite Adler, Wert, Jahreszahl und die Bezeichnung
Deutsches Reich erscheinen sollten. Die Gleichwertigkeit
der neuen und der alten Münzen und Geldscheine wurde im
Gesetz ausdrücklich mit dem Hinweis betont: „Alle
Zahlungen, welche gesetzlich in Silbermünzen der
Talerwährung, der süddeutschen Währung, der lübischen
oder hamburgischen Kurantwährung oder in Talern Gold
Bremer Rechnung zu leisten sind oder geleistet werden
dürfen, können in Reichsgoldmünzen geleistet werden.“
Damit wurde die vorübergehende Existenz einer
Doppelwährung festgeschrieben.
Erlaubt wurde
zunächst die Ausprägung von Gedenkmünzen. Davon haben
einige Länder Gebrauch gemacht, indem sie Sieges- und
andere Erinnerungstaler herausbrachten. Ab 1874 ging man
von diesem Brauch ab, was angesichts der sich stark
entwickelnden Medaillenprägung, die seit Jahrhunderten
der fürstlichen Selbstdarstellung diente, verwundert.
Mit den am 1. Juni 1900 in Kraft gesetzten Änderungen
zum Münzgesetz von 1874 wurde das Verbot zur Prägung von
Gedenkmünzen aufgehoben. In Windeseile wurde 1901 eine
der schönsten und beliebtesten Gedenkmünzen der
Kaiserzeit regelrecht aus dem Boden gestampft.
Aus
Akten des Geheimen Preußischen Staatsarchivs in
Berlin-Dahlem geht hervor, daß sich Kaiser Wilhelm II.,
der sich auch als oberster Kunstwart des Reiches
verstand und die Gestalt öffentlicher Gebäude und
Denkmäler überwachte, persönlich auch um die Gedenkmünze
anläßlich der Zweihundertjahrfeier der „Erhebung“ des
brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. zum König
Friedrich I. „in“ Preußen kümmerte. Mit den in aller
Eile gefertigten Jubelmünzen wurden befreundete
Monarchen beschenkt. Daß die Silberstücke zu zwei und
fünf Mark in Berlin gefertigt wurden, kann man auf den
ersten Blick nicht erkennen, denn es fehlt das übliche
Münzzeichen „A“. Die randvoll mit den Büsten des
amtierenden Kaisers und des ersten preußischen Königs
besetzte Vorderseite bot dafür keinen Platz. Ungewohnt
war die Jugendstil-Schrift auf der Vorderseite, die
nicht zur strengen Antiqua der Rückseite paßt. Später
hat man Harmonie bei den Schriften auf beiden Seiten
angestrebt. Heute ist sie eine Selbstverständlichkeit.
Zur Einhundertjahrfeier der Gründung der Berliner
Universität (1910) beziehungsweise der Breslauer
Universität (1911) wurden noch einmal Doppelbildnisse
auf Münzen gesetzt. Die Dreimarkstücke mit Köpfen
Wilhelms II. und seines Vorfahren Friedrich Wilhelms
III. erlebten weitaus geringere Auflagezahlen und sind
daher heute teurer.
Bei Gott ist Rat und Tat
Ganz aus dem Schema
Kopf/Adler fallen die 1913 nach Entwürfen von Paul Sturm
in Berlin geprägten Gedenkmünzen zur Hundertjahrfeier
der Befreiungskriege. Statt des Königskopfes wird
Friedrich Wilhelm III. hoch zu Roß abgebildet, wie er
seinen Untertanen den Aufruf „An mein Volk“ verkündet
und damit den Auftakt für den Kampf gegen das
napoleonische Joch gibt. Ungewöhnlich, aber zu der
franzosenfeindlichen Stimmung unmittelbar vor dem Ersten
Weltkrieg passend, greift der preußische Adler die
„französische“ Schlange an.
Die staatlichen
Münzanstalten reduzierten schon in den ersten
Kriegsjahren ihre Edelmetall- und Kleingeldprägungen.
Statt des als kriegswichtig eingestuften Kupfers und
Nickels wurden Pfennige und Groschen aus Eisen
produziert. Demgegenüber wurden Gold- und Silbermünzen
in großem Stil eingezogen und neues Silbergeld als
Erinnerungsgepräge nur noch in Ausnahmefällen bewilligt.
So erinnert das letzte in der Königlichen Münze zu
Berlin geprägte Dreimarkstück von 1915 mit der
Wiedergabe des Heiligen Georgs als Drachentöter hoch zu
Roß an die hundertjährige Zugehörigkeit der Grafschaft
Mansfeld zu Preußen. Vorbild für diese schöne Emission
ist ein Mansfelder Georgstaler, dessen Umschrift BEI
GOTT IST RAT UND TAT – SEGEN DES MANSFELDER BERGBAUES
verkündet und an die Verwendung alter Georgstaler als
Amulette zum Schutz vor Krankheit, feindlichen Kugeln
und bösem Blick erinnert.
Ein ebenfalls für 1915
vorgesehenes Dreimarkstück zum 100. Geburtstag des
Reichskanzlers Otto von Bismarck wurde nicht realisiert,
weil befürchtet wurde, es könne populärer werden als die
Jubelmünzen zum 25. Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms
II., die nicht abgesetzt werden konnten. Offiziell
verwies man auf mangelnde Silberbestände und die
Notwendigkeit, daß dieses Edelmetall in der
Kriegsindustrie dringender gebraucht werde.
Dabei
wurde übersehen, daß die silbernen Fünfzigpfennigstücke
unverändert noch bis 1919 hergestellt wurden. Da große
Mengen dieser offiziell als 1/2-Mark deklarierten Münzen
in Sparbüchsen verschwanden, verlieh man ihnen durch
künstliche Schwärzung ein „unedles“ Aussehen. Doch
verfing der Trick nicht, die Leute auf diese Weise von
der Schatzbildung abzubringen, durch die der
Kriegswirtschaft ein wichtiger Rohstoff entzogen wurde.


Abb. 5
Bildlegenden:
Abb. 1: Die Königliche Münze in Berlin war die
wichtigste Prägeanstalt Preußens. 1750 wurde ihr von
Friedrich II. das Münzzeichen A verordnet. Seither
tragen alle an der Spree geprägten Geldstücke diesen
Buchstaben.
Abb. 2: Champagnertaler wurden die Doppeltaler
genannt, die in Preußen, Hannover und anderen Staaten
des damaligen Deutschen Bundes geprägt wurden. Bayern
brachte in dieser Zeit eine großartige Serie mit
Geschichtsmünzen heraus, hier die Ansicht der Walhalla.
Abb. 3: Die nach Gründung des Kaiserreichs (1871)
geprägte Mark anfangs mit „kleinem Reichsadler“ lehnte
sich mit ihrem Namen und Standard an norddeutsches
Silbergeld aus der frühen Neuzeit an.
Abb. 4: Nach der Zulassung von Geschichtsmünzen im
Jahr 1901 kamen im Deutschen Kaiserreich zahlreiche
Sonderprägungen heraus, hier Beispiele aus
Sachsen-Altenburg, Hessen und Baden. Das Dreimarkstück
von 1915 ist die letzte preußische Gedenkprägung,
nachgebildet einem mansfeldischen Georgstaler.
Abb. 5: Bis zum Ersten Weltkrieg (1914-1918) konnte
man Banknoten jederzeit in Gold- und Silbermünzen
umtauschen, danach verloren die in einem komplizierten
Druckverfahren hergestellten Geldscheine immer mehr an
Wert. In der Inflationszeit wurden selbst die Ärmsten
über Nacht zu Milliardären.
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