Helmut Caspar

Auf dem Weg zur Münzeinheit

Die mit der Einführung des Euro abgeschaffte Mark

 Abb.1

Das alte Römisch-Deutsche Reich, zersplittert in hunderte Fürstentümer, sank unter den Schlägen der napoleonischen Truppen vor rund 200 Jahren in sich zusammen. Kaiser Franz II. legte 1806 die deutsche Kaiserkrone nieder und nannte sich von nun an Kaiser von Österreich. Nach den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 stand Preußen, das eine Periode einschneidender Reformen zurückgelegt hatte, als Großmacht und Gewinner da. Mit Österreich und Rußland bildete es die Heilige Allianz, um gegen Liberalität und demokratische Bewegungen einschreiten zu können. Erscheinungen finsterer Reaktion und die Demagogenverfolgung standen mit Bestrebungen im Widerstreit, aus der altpreußischen Monarchie mit ihrer ständischen Gliederung einen modernen, straff organisierten Staat und eine europäische Wirtschaftsmacht zu machen.
Um dies zu erreichen, mußten alte Zöpfe abgeschnitten werden. So stellte sich Preußen innerhalb des aus zahlreichen Fürstentümern und freien Städten bestehenden Deutschen Bundes an die Spitze von Bestrebungen, die Zersplitterung im Münzwesen sowie bei den Maßen und Gewichten und die Vielzahl von Zollgrenzen zu überwinden. Der Zug zum einheitlichen Nationalstaat setzte sich langsam in Bewegung. Er bekam in der Zeit der 48er Revolution einen neuen Schub, gebremst schon bald von Kräften der Reaktion, die das Gottesgnadentum der Fürsten in Gefahr sahen und es mit Waffengewalt verteidigten.
Berlin entwickelte sich in dieser Zeit langsam von einer verschlafenen Residenz zu einer Großstadt mit allen ihren sozialen und wirtschaftlichen Problemen. In der Nähe des Schlosses, um dessen Wiederaufbau jetzt heftig gestritten wird, entstanden Handwerker- und Proletarierviertel, in denen das blanke Elend herrschte. Auf der einen Seite höfischer Glanz und der Reichtum der Fabriksbesitzer und Geldmagnaten, die in ihrem Lebensstil mit alten Adelsfamilien wetteiferten, auf der anderen Seite Armut, Krankheit, Unterbeschäftigung. Kinderreiche Familien hausten im Scheunenviertel und den anderen Elendsquartieren auf engstem Raum, Prostitution und Verbrechen waren an der Tagesordnung. Neue Maschinen und die Dampfkraft machten tausende Menschen brotlos. Maschinenstürmerei war die Folge, gelegentlich auch gewaltsames Aufbegehren, das unverzüglich mit Waffengewalt unterdrückt wurde.

Zeit großer Konflikte
In der Periode der Industrialisierung, einer Zeit schärfster sozialer Gegensätze und großer Konflikte, wurde immer deutlicher, wie sehr das Nebenherbestehen unterschiedlicher Geldsysteme und die vielen Zollgrenzen den wirtschaftlichen Aufschwung behinderten.
Einsichtige Politiker und Ökonomen forderten die Vereinheitlichung des Münzwesens. Dem kam entgegen, daß nach 1800 die Zahl der souveränen geistlichen und weltlichen Fürstentümer sowie der Freien und Reichsstädte drastisch reduziert worden war. Dementsprechend verringerte sich die Zahl der Münzen mit ihrer verwirrenden Fülle von Köpfen, Zahlen und Wappen. Nach und nach wurde das Metallgeld durch Banknoten ersetzt.
Angesichts der boomenden Wirtschaft nach den Befreiungskriegen wurde in Preußen der Ruf nach einer Münzreform laut. Die Prägeanstalten liefen auf Hochtouren und wandelten Millionen eingezogener Silberstücke in neues Geld um. Man prägte jetzt im Ring, und auch das Problem der Reproduktion kompletter Vorder- beziehungsweise Rückseiten durch das Absenken der Ur- in die Arbeitsstempel wurde gemeistert. Jede Münze sah gleich aus, egal, wo sie hergestellt wurde. Eine solche Standardisierung und Gleichförmigkeit stand im Wunschkatalog der Regierungen und Münztechniker von jeher immer obenan. Stellte sie doch dem bösen Tun der Fälscher hohe Hürden in den Weg.
Preußen, die wirtschaftlich stärkste Kraft im Deutschen Bund, hob 1818 die Zollgrenzen innerhalb seiner über ganz Deutschland verstreuten Provinzen auf. Mit dem Münzgesetz vom 30. September 1821 führte König Friedrich Wilhelm III. das von Friedrich II. eingeführte Graumann’sche Münzsystem von 1750 fort und verfügte eine „gleichförmige feste Währung in Gold und Silber in Unseren sämmtlichen Staaten“. Durch Ausprägung einer „hinlänglichen Menge inländischer Gold- und Silbermünzen“ sollten fremde Münzsorten allmählich entbehrlich gemacht und auch gesonderte Prägungen für einzelne Provinzen abgeschafft werden.
Von jetzt an galten in der gesamten Monarchie die gleichen Sorten aus Gold, Silber und Kupfer. Wichtigste Münze war weiterhin der goldene Friedrichs d’or zu fünf Talern und der Silbertaler. Er hatte den Wert von 30 Silbergroschen (bisher 24 Groschen) oder 360 Pfennigen. Durch die Aufschrift auf der Wappenseite EIN THALER XIV EINE F. MARK wurde erklärt, daß aus der kölnischen Mark zu 233,8 Gramm 14 Taler geschlagen werden.

Zollpfund statt Kölner Mark
Die „krumme“ Gewichtseinheit kölnische Mark war seit Jahrhunderten die einzige Richtgröße, auf die sich die Münzen der einzelnen deutschen Fürstentümer und prägeberechtigten Städte bezogen. Erst 1857 wurde die Kölner Mark durch das Pfund zu 500 Gramm ersetzt, womit sich Berechnungen besser bewerkstelligen ließen.
Vorgeschrieben waren nach dem preußischen Münzgesetz von 1821 stets die gleichen Bilder – königlicher Kopf sowie Adler und/oder Wertangabe. Silber- und Goldmünzen, ab 1845 auch Kupfergeld, wurden zum besseren Schutz vor Fälschung und Entwertung durch Befeilen am Rand in der Ringprägung hergestellt und bekamen auf der Vorder- und Rückseite Perlkreise als schmückende und schützende Einfassung.
Wichtigste Prägestätte Preußens war weiterhin Berlin, wie die Vielzahl der seit 1750 mit dem „A“ versehenen Münzen beweist. Da einige norddeutsche Staaten ihre eigene Münzstätten aus Kostengründen schlossen, ließen sie ihr Hartgeld ebenfalls an der Spree schlagen. Kenntlich sind auch sie am A, dem Berliner Münzbuchstaben.
Die Zeit drängte, die Zersplitterung im deutschen Münzwesen durch vertragliche Übereinkünfte zu überwinden. Das gelang in mehreren Stufen und nicht ohne Widerstand einiger Fürsten innerhalb des Deutschen Bundes, die ihre Souveränität gefährdet glaubten. Bereits 1833 war unter preußischer Führung, jedoch unter Ausschluß Österreichs, der Deutsche Zollverein gegründet worden. Mit ihm verwandelte sich Deutschland in ein geschlossenes Wirtschaftssystem mit einheitlichen Münzen, Maßen und Gewichten.
Die verworrenen Währungsverhältnisse vor allem im süddeutschen Raum wurden 1837 durch den Wiener Münzvertrag zunächst zwischen Baden, Bayern, Frankfurt (Main), Hessen-Darmstadt und Nassau, später mit Sachsen-Meiningen, Hohenzollern, Hessen-Homburg und Schwarzburg-Rudolstadt verbessert. Aus der kölnischen Mark hat man 24 1/2 Silbergulden zu 60 Kreuzern geprägt. Dabei wurde erstmals in der deutschen Münzgeschichte ein dezimaler Feingehalt von 900/1000 festgelegt.

Taler hier, Gulden dort
Bereits ein Jahr nach dem Wiener Münzvertrag wurde in Dresden ein weiterer Schritt zur Münzeinheit vollzogen. Vertragspartner waren unter preußischer Führung Sachsen, Kurhessen, Sachsen-Weimar sowie die „Guldenländer“ Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, Nassau und Frankfurt am Main. Mit dem Vertrag wurden die beiden Münzsysteme innerhalb des Deutschen Bundes verbunden, wobei man den im norddeutschen Raum geltenden Taler und den süddeutschen Gulden in ein festes Verhältnis setzte.
Gemeinsame Hauptsilbermünze war der Doppeltaler, der 31/2 Gulden galt. Diese 37,1 Gramm schwere Münze wurde nach einheitlichen Grundsätzen gestaltet. So wird auf den Doppeltalern vermerkt, daß sie den Wert von 31/2 Gulden besitzen und eine Vereinsmünze sind, während umgekehrt süddeutsche 31/2 Guldenstücke besagen, daß sie den Wert von zwei Talern besitzen. In Berlin hat man das Zweitalerstück auch Champagnertaler genannt nach dem Preis, der für dieses edle Getränk verlangt wurde.


Der Dresdner Münzvertrag war ein Fortschritt und wurde von den beteiligten Ländern fleißig erfüllt. Doch war mit ihm noch nicht die Vereinheitlichung des deutschen Geldes erreicht, etwa auch weil sich die Hansestädte Hamburg, Lübeck und Bremen sowie Schleswig-Holstein und die beiden mecklenburgischen Großherzogtümer noch nicht beteiligten. Die Entwicklung ließ sich aber nicht mehr aufhalten, der preußische Vereinstaler drang mehr und mehr in Länder mit eigenen Münzen vor.
Die durch staatliche Fördermaßnahmen angetriebene wirtschaftliche Entwicklung in Preußen führte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer bedeutenden Erweiterung des Geldverkehrs. Mit Münzen ließen sich viele Geschäfte kaum noch mehr abwickeln, dazu hätte man viel zu viele schwere Geldsäcke transportieren müssen. Eine königliche Kabinettsorder von 1846 erlaubte es der aus der Berliner Giro- und Lehnbank hervorgegangenen Preußischen Bank, Geldscheine im Wert von zehn Millionen Talern zu emittieren. Vorgeschrieben war eine Deckung dieses Riesenbetrags zu einem Drittel durch Gold- und Silberbarren sowie durch verschiedene Wertpapiere. Öffentliche Kassen mußten die Talerscheine annehmen, Privatleute durften sie verweigern. Daraus lassen sich Vorbehalte gegen das Bezahlen mit Banknoten ableiten. Da die Preußische Bank als ein solides Institut auch in Kriegs- und Krisenzeiten in der Lage war, die eingelieferten Banknoten mit Metall zu bedienen, also Papier gegen Gold oder Silber einzuwechseln, verbesserte sich das Vertrauen in die ja immer noch recht ungewohnte Geldform.

Neue Einheitswährung
Nach dem deutsch-französischen Krieg und der Ausrufung des preußischen Königs Wilhelm I. zum deutschen Kaiser am 18. Januar 1871 wurde im neuen Deutschen Reich die Mark als Einheitswährung aus der Taufe gehoben. Mit ihr wurde das Nebenherbestehen von acht Münzsystemen überwunden. Die von Deutschland als Sieger festgelegten französischen Reparationsleistungen in Höhe von fünf Milliarden Francs setzten sich aus Warenlieferungen sowie Zahlungen in Form von Bargeld, Goldbarren und Wechseln zusammen.
Der Metall- und Devisenzufluß ermöglichte es dem Deutschen Reich, eine umfangreiche Goldmünzenproduktion aufzulegen und die Wirtschaft anzukurbeln. Nach damaligen Berechnungen lag dahin in deutschen Banken und Tresoren Gold im Wert von umgerechnet 245 Millionen Mark, etwa ein Viertel der französischen Kontributionen. Da das vorhandene Gold nicht ausreichte, den großen Bedarf an höherwertigen Zahlungsmitteln zu befriedigen, wurde Privatpersonen gestattet, ihren Goldbesitz gegen eine kleine Gebühr bei den staatlichen Prägeanstalten in klingende Münze zu verwandeln. Angemerkt sei, daß der Versuch, ein goldenes Dreißigmarkstück, also nach altem Sprachgebrauch ein Zehntalerstück, und sogar ein goldenes Hundertmarkstück zu kreieren, nicht verwirklicht wurde.
Die Frankreich auferlegten Kontributionen sollten innerhalb von drei Jahren an das Reich gezahlt werden. Zur Sicherstellung dieser Abgaben blieben die östlichen Departements Frankreichs von deutschen Truppen besetzt. In den sogenannten Gründerjahren explodierte die junge Reichshauptstadt, tausende Zuzügler fanden hier Arbeit, brauchten Wohnungen. Die ersten Mietskasernenviertel entstanden. Um eine ordentliche Versorgung zu gewährleisten, wurden Markthallen und große Kaufhäuser gebaut. Es entstanden weit verzweigte Unterwelten in Form von Rohr- und Kanalsystemen zur Versorgung mit Wasser und Gas und zur Entsorgung von Abwasser und Abfällen.
In der Kaiserzeit stützten und durchdrangen Politik und Wirtschaft, Krone und Kapital waren untrennbar verbunden. Gelegentlich wurde diese Verquickung deutlich, wenn Schiebereien und Begünstigung bestimmter Unternehmen in großem Stil ruchbar wurden. Um dem Kaiser ganz nahe zu sein, verlegten mächtige Bankiers und Wirtschaftsbosse ihre Wohn- und Firmensitze nach Berlin, wenn sie nicht schon dort waren. Die Behrenstraße, wenige hundert Schritt vom Schloß entfernt, entwickelte sich zu einem bedeutenden Bankenplatz und ist es heute, nach Zweckentfremdung in DDR-Zeiten, wieder. Wie die Königliche Münze, so war auch das Börsengebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts an der Burgstraße, auch nicht weit vom Schloß entfernt, eine Zierde der Residenz. Der große Börsensaal galt in der Kaiserzeit als einer der prächtigsten Innenräume Berlins. „Wohl an die viertausend Personen wirren hier durcheinander, ihr Rufen, Verhandeln, Sprechen, Schnarren, Hin- und Hergehen erzeugt ein dumpfbrausendes Geräusch, als ob man am Meeresstrande weilte... hier die Geldfürsten, deren Namen in fünf Weltteilen Klang und Geltung haben, dort sorgsam strebende Banquiers, deren Parole ,Sicherheit und Festigkeit‘ lautet, da kleine und große Jobber, die frisch drauflos spekulieren...“, heißt es in einer Reportage aus dem Jahr 1895.

Hanseatische Tradition
Das Münzgesetz vom 4. Dezember 1871 verfügte die Einführung einer neuen Währung zu Mark und Pfennig mit den Worten: „Es wird eine Reichsgoldmünze ausgeprägt, von welcher aus Einem Pfunde feinen Goldes 139 1/2 Stück ausgebracht werden. Der zehnte Teil dieser Goldmünze wird Mark genannt und in hundert Pfennige eingeteilt.“ Mit ihrem Namen bezog sich die neue Währung, die jetzt durch die Einführung des Eurobargeldes abgeschafft wurde, auf eine sehr traditionsreiche Silbermünze, die in den Hansestädten Hamburg, Lübeck, Wismar und Lüneburg geprägt wurde. Als Münzgewicht ist die Mark seit dem 9. Jahrhundert für Skandinavien und seit dem 11. Jahrhundert für Deutschland bezeugt. Im Mittelalter stand die kölnische Mark zu 233,85 Gramm über allen anderen deutschen Gewichten. Die Reichsmünzordnung von 1524 erhob sie gar zum Grundgewicht im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.


Bei den Verhandlungen für die deutsche Münzeinheit im 19. Jahrhundert setzte sich vor allem Sachsen dafür ein, die zu schaffende Währung Mark zu nennen. Das entsprach dem Wunsch nach einem Nominal, das sich schon mit seinem Namen vom Taler oder Gulden unterscheidet und eine neue Entwicklung markiert. In der Kaiserzeit bürgerte sich die inoffizielle Bezeichnung Reichsmark ein, nach dem Ersten Weltkrieg und in der Inflation 1922/23 sprach man von stabiler Goldmark. Ab November 1923 hieß die Währung Renten- und schon bald Reichsmark. Die Mark der Kaiserzeit hielt theoretisch 0,398 Gramm Gold, doch wurde diese Münze natürlich nicht ausgeprägt, sondern nur Goldstücke zu 20, 10 und 5 Mark. Die auf kaiserliche Anordnung verfügte Bezeichnung „Krone“ für das Zehnmarkstück und „Doppelkrone“ für das Zwanzigmarkstück setzte sich nicht durch.
Könnte man einen Blick in die Geldbörse eines „Normalberliners“ vor über hundert Jahren tun, man fände ein buntes Sammelsurium von Gold-, Silber-, Nickel- und Kupfermünzen, vielleicht auch noch älteres Hartgeld und natürlich verschiedene Geldscheine. Offenbar hatte man Übung im Umgang mit altem und neuem Geld, und wer sich unsicher war, konnte in zahlreiche Listen und Bücher mit Umrechnungskursen schauen.

Schatz im Juliusturm
Ein Gesetz von 1871 hatte bestimmt, im Deutschen Reich eine Goldreserve von 40 Millionen Talern beziehungsweise 120 Millionen Mark anzulegen. Damit wollte man für außerordentliche Ausgaben, vor allem die Kriegsfinanzierung, eingerichtet sein. Die Goldreserve wurde in dem schwer bewachten und streng gesicherten Juliusturm eingelagert, einem 32 Meter hohen Bauwerk mit 3,6 Meter starken Mauern und einem Zinnenkranz, der auf Entwürfe von Karl Friedrich Schinkel zurückgeht. In die mit starken Bastionen, Kasematten und dem Juliusturm ausgestattete Zitadelle Spandau aus dem 16. Jahrhundert, eine der besterhaltenen Anlagen dieser Art in Europa, wurde 1874 der Reichskriegsschatz eingelagert, der aus einem Teil der französischen Kriegskontributionen gebildet worden war. Spandau vor den Toren Berlins besaß seit Jahrhunderten für den brandenburg-preußischen Staat große militärische und politische Bedeutung. Hierher wurden in Kriegs- und Krisenzeiten die Pretiosen und Dokumente der Hohenzollern geschafft. Die Zitadelle war auch berüchtigt als Gefängnis, in das auch bei Hofe in Ungnade gefallene Personen gebracht wurden. „Du kommst nach Spandow“ war eine bekannte Drohung, um unartige Kinder einzuschüchtern. Der Schatz im Juliusturm bestand aus einhundert Millionen Mark in Doppelkronen (20 Mark) und zwanzig Millionen Mark in Kronen (10 Mark). Die Goldstücke waren 1873 in einem großen Kraftakt in der Berliner Münze mit dem Kopf Wilhelms I. geprägt worden. Das Geld war in 1200 Kisten mit je 100 000 Mark verpackt. Es wird erzählt, daß bei dem unter strengen Sicherheitsvorkehrungen verlaufenen Transport von der Berliner Münze in die Festung Spandau eine Kiste unbemerkt vom Wagen gefallen ist. Der Finder habe sie zurückgegeben und sogar auf seine Belohnung verzichtet. Im Jahr 1913, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, wurde die Reichsreserve auf 240 Millionen Goldmark verdoppelt. Diese ungeheure Zahl von Goldmünzen kam aufgrund der Kriegsereignisse nicht mehr in den Umlauf, denn Gold wurde mit Kriegsbeginn eingezogen.
Das Zweimarkstück war ursprünglich nicht vorgesehen. Erst auf Wunsch des Reichstages wurde es als eine Art Zweidritteltaler oder Gulden zugelassen und ab 1876 geprägt. Ein neues Nominal war ab 1908 das Dreimarkstück in Gewicht und Größe des alten Vereinstalers. Die letzten Dreimarkstücke der Kaiserzeit wurden 1917 und 1918 in sehr geringer Auflage geprägt und sind hochbezahlte Sammlerstücke.
Einigen Münzen war nur ein kurzes Leben beschieden. Das goldene Fünfmarkstück etwa war mit einem Gewicht von 1,99 Gramm und einem Durchmesser von 17 mm so winzig, daß es in den Geldbörsen verschwand, weshalb es ungern im täglichen Zahlungsverkehr verwendet wurde. Nach 1878 wurde der goldene Fünfer von den Banken eingezogen, für ihn gab es ja ein schweres Pendant aus Silber. Verunglückt war auch ein silberner Zwerg zu 20 Pfennigen, der in Berlin und anderen Münzstätten zwischen 1873 und 1876, in Stuttgart bis 1877 geprägt wurde. An seine Stelle trat 1890 und 1892 ein großes Zwanzigpfennigstück aus Kupfernickel, gefolgt von einem 25-Pfennigstück. Zwischen 1909 und 1912 geprägt, fand diese Nickelmünze wenig Freunde und floß in die Kassen zurück. Sie endete im Ersten Weltkrieg in den Schmelztiegeln der Kriegsindustrie, die auch andere Münzen für Rüstungsgüter aller Art als Rohstoff benutzte.

Gedenkmünzen ab 1901
Das Münzgesetz von 1871 bestimmte, daß auf der Vorderseite der Geldstücke des Kaiserreichs das Bild des Landesherren beziehungsweise das Hoheitszeichen der Freien Städte und auf der Rückseite Adler, Wert, Jahreszahl und die Bezeichnung Deutsches Reich erscheinen sollten. Die Gleichwertigkeit der neuen und der alten Münzen und Geldscheine wurde im Gesetz ausdrücklich mit dem Hinweis betont: „Alle Zahlungen, welche gesetzlich in Silbermünzen der Talerwährung, der süddeutschen Währung, der lübischen oder hamburgischen Kurantwährung oder in Talern Gold Bremer Rechnung zu leisten sind oder geleistet werden dürfen, können in Reichsgoldmünzen geleistet werden.“ Damit wurde die vorübergehende Existenz einer Doppelwährung festgeschrieben.
Erlaubt wurde zunächst die Ausprägung von Gedenkmünzen. Davon haben einige Länder Gebrauch gemacht, indem sie Sieges- und andere Erinnerungstaler herausbrachten. Ab 1874 ging man von diesem Brauch ab, was angesichts der sich stark entwickelnden Medaillenprägung, die seit Jahrhunderten der fürstlichen Selbstdarstellung diente, verwundert. Mit den am 1. Juni 1900 in Kraft gesetzten Änderungen zum Münzgesetz von 1874 wurde das Verbot zur Prägung von Gedenkmünzen aufgehoben. In Windeseile wurde 1901 eine der schönsten und beliebtesten Gedenkmünzen der Kaiserzeit regelrecht aus dem Boden gestampft.
Aus Akten des Geheimen Preußischen Staatsarchivs in Berlin-Dahlem geht hervor, daß sich Kaiser Wilhelm II., der sich auch als oberster Kunstwart des Reiches verstand und die Gestalt öffentlicher Gebäude und Denkmäler überwachte, persönlich auch um die Gedenkmünze anläßlich der Zweihundertjahrfeier der „Erhebung“ des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. zum König Friedrich I. „in“ Preußen kümmerte. Mit den in aller Eile gefertigten Jubelmünzen wurden befreundete Monarchen beschenkt. Daß die Silberstücke zu zwei und fünf Mark in Berlin gefertigt wurden, kann man auf den ersten Blick nicht erkennen, denn es fehlt das übliche Münzzeichen „A“. Die randvoll mit den Büsten des amtierenden Kaisers und des ersten preußischen Königs besetzte Vorderseite bot dafür keinen Platz. Ungewohnt war die Jugendstil-Schrift auf der Vorderseite, die nicht zur strengen Antiqua der Rückseite paßt. Später hat man Harmonie bei den Schriften auf beiden Seiten angestrebt. Heute ist sie eine Selbstverständlichkeit. Zur Einhundertjahrfeier der Gründung der Berliner Universität (1910) beziehungsweise der Breslauer Universität (1911) wurden noch einmal Doppelbildnisse auf Münzen gesetzt. Die Dreimarkstücke mit Köpfen Wilhelms II. und seines Vorfahren Friedrich Wilhelms III. erlebten weitaus geringere Auflagezahlen und sind daher heute teurer.

Bei Gott ist Rat und Tat
Ganz aus dem Schema Kopf/Adler fallen die 1913 nach Entwürfen von Paul Sturm in Berlin geprägten Gedenkmünzen zur Hundertjahrfeier der Befreiungskriege. Statt des Königskopfes wird Friedrich Wilhelm III. hoch zu Roß abgebildet, wie er seinen Untertanen den Aufruf „An mein Volk“ verkündet und damit den Auftakt für den Kampf gegen das napoleonische Joch gibt. Ungewöhnlich, aber zu der franzosenfeindlichen Stimmung unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg passend, greift der preußische Adler die „französische“ Schlange an.
Die staatlichen Münzanstalten reduzierten schon in den ersten Kriegsjahren ihre Edelmetall- und Kleingeldprägungen. Statt des als kriegswichtig eingestuften Kupfers und Nickels wurden Pfennige und Groschen aus Eisen produziert. Demgegenüber wurden Gold- und Silbermünzen in großem Stil eingezogen und neues Silbergeld als Erinnerungsgepräge nur noch in Ausnahmefällen bewilligt. So erinnert das letzte in der Königlichen Münze zu Berlin geprägte Dreimarkstück von 1915 mit der Wiedergabe des Heiligen Georgs als Drachentöter hoch zu Roß an die hundertjährige Zugehörigkeit der Grafschaft Mansfeld zu Preußen. Vorbild für diese schöne Emission ist ein Mansfelder Georgstaler, dessen Umschrift BEI GOTT IST RAT UND TAT – SEGEN DES MANSFELDER BERGBAUES verkündet und an die Verwendung alter Georgstaler als Amulette zum Schutz vor Krankheit, feindlichen Kugeln und bösem Blick erinnert.
Ein ebenfalls für 1915 vorgesehenes Dreimarkstück zum 100. Geburtstag des Reichskanzlers Otto von Bismarck wurde nicht realisiert, weil befürchtet wurde, es könne populärer werden als die Jubelmünzen zum 25. Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms II., die nicht abgesetzt werden konnten. Offiziell verwies man auf mangelnde Silberbestände und die Notwendigkeit, daß dieses Edelmetall in der Kriegsindustrie dringender gebraucht werde.
Dabei wurde übersehen, daß die silbernen Fünfzigpfennigstücke unverändert noch bis 1919 hergestellt wurden. Da große Mengen dieser offiziell als 1/2-Mark deklarierten Münzen in Sparbüchsen verschwanden, verlieh man ihnen durch künstliche Schwärzung ein „unedles“ Aussehen. Doch verfing der Trick nicht, die Leute auf diese Weise von der Schatzbildung abzubringen, durch die der Kriegswirtschaft ein wichtiger Rohstoff entzogen wurde.




Abb. 5


Bildlegenden:

Abb. 1: Die Königliche Münze in Berlin war die wichtigste Prägeanstalt Preußens. 1750 wurde ihr von Friedrich II. das Münzzeichen A verordnet. Seither tragen alle an der Spree geprägten Geldstücke diesen Buchstaben.

Abb. 2: Champagnertaler wurden die Doppeltaler genannt, die in Preußen, Hannover und anderen Staaten des damaligen Deutschen Bundes geprägt wurden. Bayern brachte in dieser Zeit eine großartige Serie mit Geschichtsmünzen heraus, hier die Ansicht der Walhalla.

Abb. 3: Die nach Gründung des Kaiserreichs (1871) geprägte Mark anfangs mit „kleinem Reichsadler“ lehnte sich mit ihrem Namen und Standard an norddeutsches Silbergeld aus der frühen Neuzeit an.

Abb. 4: Nach der Zulassung von Geschichtsmünzen im Jahr 1901 kamen im Deutschen Kaiserreich zahlreiche Sonderprägungen heraus, hier Beispiele aus Sachsen-Altenburg, Hessen und Baden. Das Dreimarkstück von 1915 ist die letzte preußische Gedenkprägung, nachgebildet einem mansfeldischen Georgstaler.

Abb. 5: Bis zum Ersten Weltkrieg (1914-1918) konnte man Banknoten jederzeit in Gold- und Silbermünzen umtauschen, danach verloren die in einem komplizierten Druckverfahren hergestellten Geldscheine immer mehr an Wert. In der Inflationszeit wurden selbst die Ärmsten über Nacht zu Milliardären.

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