"Als die Römer frech geworden...."
Neues Museum bei Osnabrück klärt über die Varusschlacht
im
Jahr 9 nach Christus auf
Von Helmut Caspar


Die Fundmünzen von Kalkriese
und der Standort des Hermanndenkmals
Im Jahre 9 nach Christus verlor der Feldherr P. Quinctilius Varus
im Teutoburger Wald eine Schlacht gegen germanische Stämme. Der aus einer
patrizischen Familie stammende Römer, der zuvor in Syrien einen Aufstand der Juden
niedergeschlagen hatte, wollte die von Drusus und Tiberius bis zur Elbe unterworfenen
Gebiete in eine römische Provinz verwandeln, Steuern eintreiben und das römische
Recht durchsetzen. Dagegen erhoben sich, geführt von dem Cheruskerfürsten Arminius,
die Cherusker, Brukterer, Marser und Chatten – und hatten Erfolg. Mit diesem
spektakulären Sieg war der Versuch des in Rom herrschenden Augustus gescheitert,
seine Macht auf Innergermanien auszudehnen. Die verheerende Niederlage und der
Verlust von drei Legionen löste in Rom Panik aus. Augustus, der schon den Feind
vor den Toren der Stadt wähnte, soll geklagt haben „Varus, Varus, gib mir meine
Legionen wieder!“ Der Verlierer beging Selbstmord.
Das Thema war vor allem im 19. Jahrhundert populär. Dichter und Maler schmückten
das Ereignis aus, ohne Kenntnis von dem wahren Ablauf der Schlacht zu haben.
Nationalistische Gefühle wurden mit Hinweisen auf die „Hermannschlacht“ geschürt.
„Als die Römer frech geworden, zogen sie nach Deutschlands Norden. Vorne mit
Trompetenschall, ritt der Generalfeldmarschall, Herr Quinctilius Varus....“ -
das Lied von Viktor von Scheffel war damals in aller Munde.
Die Flammenzeichen rauchen
Bis vor wenigen Jahren war vieles rätselhaft, was mit dieser Schlacht zu tun hatte,
über die nur spärliche zeitgenössische Berichte aus römischen Quellen vorliegen.
Wie gelang es Arminius, den man auch Hermann nannte, die schwerbewaffneten Römer
in die Enge zu treiben und aufzureiben? Wo überhaupt fand die Schlacht statt?
Stimmt der Standort des riesigen Hermanndenkmals bei Detmold, das von Ernst von Bandel
geschaffen und 1875 mit großem zeremoniellem Aufwand im Beisein Kaiser Wilhelms I.
und anderer Fürsten zur Erinnerung an den Triumph germanischer Stämme gegen die
Eindringlinge eingeweiht und auch durch einige Medaillen gefeiert wurde? Dies ist
nicht der Fall; Kalkriese heißt des Rätsels Lösung. Eine Umsetzung
des Monuments an den Ort der Schlacht bei Osnabrück ist zwar nach Bekanntwerden
der Funde vorgeschlagen, doch wieder verworfen worden, schon allein wegen des
herausragenden Platzes auf der Kuppe der 386 Meter hohen Grotenburg.
Die zur Weihe geprägten Medaillen lassen kaum ahnen, welch entbehrungsreichen Weg
der Architekt Ernst von Bandel zurücklegen mußte, bis das Denkmal seiner Bestimmung
übergeben werden konnte. Der Künstler ist auf den Medaillen abgebildet, rückseitig
findet man Hermann mit erhobenem Schwert und einem Helm auf dem Kopf auf einem riesigen säulenbestückten Unterbau stehend. Die Inschrift teilt mit, daß das Denkmal 1838
begonnen und 1875 vollendet wurde. Hermann wird als „Befreier vom römischen Joche“
gefeiert, und für Bildungsbürger wird auf Tacitus‘ Bericht in den „Annales“ hingewiesen.
Eine weitere Medaille betont, das Denkmal sei vom deutschen Volk errichtet worden
und verkündet: „Nur in brüderlicher Einigkeit lebt deutschen Volkes Stärke, Macht
und Herrlichkeit“.
Die Hermannschlacht, die schon Heinrich von Kleist dramatisierte, wurde im I. Weltkrieg
zur Erzeugung von Kampfbereitschaft instrumentalisiert. Eine Medaille von 1916
mit dem Bildnis des Fürsten Leopold IV. zur Lippe zeigt das Monument mit der Umschrift
„Frisch auf mein Volk – die Flammenzeichen rauchen“.
2000 Jahre alte Fundstücke
Wilde Spekulationen über den Ort der Schlacht gibt es seit langem; dabei sammelten sich
im Laufe der Zeit einige hundert, zum Teil abstruse Vorschläge an. Doch nur ein Platz
konnte es sein, und der wurde erst in den letzten Jahren dank glücklicher Umstände durch archäologische Ausgrabungen zweifelsfrei identifiziert. Es ist der Stadteil Kalkriese von Bramsche in der Nähe von Osnabrück. Hier wurde vor wenigen Wochen ein neues Museum eröffnet,
in dem die Varusschlacht anhand der 2000 Jahre alten Fundstücke, unter denen sich auch
viele Münzen befinden, sowie der Erzählungen antiker Autoren rekonstruiert wird.
Das Haus mit dem etwas umständlichen Namen „Varusschlacht im Osnabrücker Land Museum
und Park Kalkriese“ wurde nach Plänen der Zürcher Architekten Annette Gigon und
Mike Guyer gebaut.
Aufgrund der spezifischen Bedingungen in der Erde von Kalkriese hat sich kaum organisches
Material erhalten; gelegentlich sind Gebeine der Krieger ausgegraben worden, dazu auch
Knochen von Maultieren, die als Transporttiere fungierten. Gezeigt werden in der
Ausstellung vor allem Stücke aus Metall, die von den das Schlachtfeld plündernden
Germanen nicht mitgenommen wurden – Waffen und Teile von Rüstungen, Zaumzeug der
von den Söldnern mitgeführten Pferde und natürlich Münzen. So ist es möglich, Ort und
Ablauf der Schlacht und ihre Folgen zu dokumentieren. Interesse verdienen unter anderem
eine eiserne Hacke, mit der man Holz für Palisaden herrichtete, ferner eine Haarnadel
und ein vielleicht in der Kosmetik verwendeter Silberlöffel. Dazu kommen mit einem Phallus versehene Schmuckanhänger von Pferdetrensen, die wohl Dämonen abschrecken sollten,
längliche Bleikugeln, die geschleudert wurden, Speerspitzen sowie Reste von medizinischem
Gerät. Eine mit dem bekränzten Kopf des Augustus geschmückte Phalera ist eine auf dem
Brustpanzer getragene Auszeichnung aus versilberter Bronze. Das wohl wichtigste Fundstück
ist eine eiserne, ehemals mit Silberblech überzogene Gesichtsmaske, die zum Helm eines
vornehmen Römers gehörte. Sie avancierte zum Symbol des Museums.
Mommsens Münzfund-Deutungen
Auf Kalkriese kamen die Archäologen nicht von ungefähr. Seit Ende des 19. Jahrhunderts
gab es Hinweise, daß die Kalkrieser-Niewedder-Senke Schauplatz der Varusschlacht war,
ein Ort an der Grenze zwischen dem Norddeutschen Tiefland und dem Weserbergland. Auf der
einen Seite befindet sich das Große Moor, auf der anderen Seite der Kalkrieser Berg.
Seit über 300 Jahren gibt es Nachrichten über auffällig viele antike Münzen, die bei
Barenaue am Wiehengebirge nördlich von Osnabrück gefunden wurden. Das rätselhafte Geld,
das sich bei den Grafen von Bar auf Schloß Barenaue angesammelt hatte, kann heute
leider nicht mehr befragt werden, weil es seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen ist.
Danach tauchten nur drei weitere Münzen auf.
Bereits der Arzt und Prähistoriker Rudolf Virchow hatte sich für die Fundstelle Kalkriese interessiert, und auch der spätere Direktor des Berliner Münzkabinetts, Julius Menadier,
war an der Spurensuche beteiligt. Er studierte 1884 die gräfliche Sammlung und suchte in der Umgebung von Barenaue nach weiteren Münzen. Der Althistoriker und Literaturnobelpreisträger
von 1902 Theodor Mommsen, dem wir auch Arbeiten über römische Münzen und die Initiative für das bis heute publizierte „Griechische Münzwerk“ verdanken, kam aufgrund der Münzfunde zu dem
Schluß, daß es sich bei Kalkriese um den Ort der Schlacht im Jahre 9 handelt. Allerdings
wurde Mommsen nicht geglaubt, denn eine solch wichtige Schlacht nur anhand von alten
Geldstücken zu lokalisieren, schien der Gelehrtenwelt des 19. Jahrhunderts doch zu
abenteuerlich. Das Thema wurde zunächst ad acta gelegt. Erst in unseren Tagen gelang es
einem Hobbyarchäologen, dem britischen Major Tony Clunn, das Geheimnis zu lüften.
Er ging den Aussagen von Mommsen nach und entdeckte 1987 einen Schatz von Denaren an der
von diesem bezeichneten Stelle. Seine Erlebnisse und Forschungsresultate hat Clunn,
der mit Genehmigung der Denkmalschutzbehörde tätig war und dabei einen Metalldetektor
benutzte, in dem Buch „Auf der Suche nach den verlorenen Legionen“ (Rasch Verlag,
Bramsche 1998) dargestellt. Für seine Leistungen wurde der Offizier von Königin Elizabeth II.
mit einem hohen Orden ausgezeichnet.
Zwischen Moor und Berg
Neugierig geworden, unternahm die Bodendenkmalpflege weitere höchst ergiebige Ausgrabungen
zwischen Moor und Berg. Dabei wurden nicht nur Reste der Ausrüstung des römischen Heeres
gefunden, sondern auch mehr als eintausend Gold-, Silber- und Bronzemünzen. Aufgrund der numismatischen Forschung von Frank Berger kann der Fundplatz in die Jahre 7 bis 10 nach
Christus datiert werden. Die jüngsten Gepräge aus der Zeit um 9 nach Christus stammen
aus Lyon und stellen Augustus sowie seine beiden Enkel Gaius und Lucius dar. Neben diesen
zum Teil noch prägefrischen Stücken fanden die Archäologen auch abgegriffene ältere Denare,
die auf eine lange Umlaufzeit weisen. Einige der Fundmünzen von Kalkriese besitzen
Gegenstempel mit dem Namen des Feldherren Varus. Numismatisch und militärgeschichtlich
interessant ist, daß auf dem eigentlichen Schlachtengelände Münzen aus unedlem Metall
gefunden wurden, was auf einfache Soldaten als Besitzer deutet, während weiter entfernt
die Barschaft der Kommandeure in Gestalt von Silber- und Goldmünzen ausgegraben wurde.
Die Ausgrabungen in Kalkriese sind noch lange nicht abgeschlossen, und so ist zu erwarten,
daß das Museum immer wieder neue Fundstücke präsentieren wird. Schon jetzt bereitet es
sich auf das Jubiläumsjahr 2009 vor, denn dann, 2000 Jahre nach der Schlacht, wird ein
besonders großer Ansturm interessierter Besucher erwartet. Grundsätzlich wird sich nichts
mehr an der durch Münzen und andere Hinterlassenschaften belegten Tatsache ändern,
daß hier eine schreckliche und blutige Schlacht stattgefunden hat. Und es wird einmal mehr
den Besuchern vor Augen geführt, was Münzen alles erzählen können, wenn sie
von Fachleuten gehörig zum Sprechen gebracht werden.
Das Museum Varusschlacht im Osnabrücker Land Museum und Park Kalkriese, Venner Straße 69,
49565 Bramsche-Kalkriese, ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Telefon 05468/92040,
Fax 05468/920445, Internet
www.kalkriese-varusschlacht.de.

Zu den Abbildungen
Abb.1: Ernst von Bandel und sein südlich von Detmold errichtetes Hermanndenkmal auf einer Medaille zur festlichen Weihe im Jahr 1875. Im Stil neu gewonnenen nationalen Selbstbewußtseins feiert sie den Cheruskerfürsten Hermann als "Befreier Deutschlands vom römischen Joche". Die andere Medaille von 1916 möchte mit dem Motto "Steh auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen" so etwas wie Kriegsbegeisterung erzeugen.
Abb.2: Das neue Museum in Kalkriese wird auch die Umwelt und ihre Veränderung durch den Menschen zeigen.
Abb.3: Der Althistoriker und Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen (1817-1903) –
hier sein Denkmal von 1909 im Ehrenhof der Humboldt-Universität zu Berlin – bestimmte Kalkriese als Ort der Varusschlacht. Die Ausgrabungen und das neue Museum bestätigen, daß er die unweit von Osnabrück zwischen Moor und Berg dort gefundenen Münzen richtig
interpretiert hat. (Fotos: Caspar)
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