Siemens' große Leistung

Silbermünze zu 10 Euro
würdigt den Beginn des
U-Bahnzeitalters in Berlin
Von Helmut Caspar
Einhundert Jahre ist es her, daß die ersten
elektrisch betriebenen U-Bahn-Züge durch Berlin fuhren.
Das durch großartige Erfindungen des Berliner Physikers
und Industriellen Werner von Siemens ermöglichte und von
der Deutschen Bank mitfinanzierte U-Bahnzeitalter begann
allerdings nicht erst mit der Eröffnung der 10,1
Kilometer langen Strecke zwischen Warschauer Straße und
Zoologischem Garten am 15. Februar 1902, sondern
eigentlich schon sechs Jahre früher, als an der Ecke
Gitschiner Straße/Alexandrinenstraße der erste
Spatenstich gesetzt wurde.
Einhundert Jahre nach der Eröffnungsfahrt erscheint
eine Silbermünze zu 10 Euro, die mit der Umschrift „100
Jahre U-Bahn in Deutschland“ den Sachverhalt unkorrekt
wiedergibt, was in der Presse sogleich kritisch
angemerkt wurde, als der Entwurf des Berliner
Münzdesigners und Stempelgraveurs Bodo Broschat
vorgestellt wurde. Er hatte sich mit der Kombination
historischer Bauwerke und U-Bahnen gegen andere, nicht
minder interessante Entwürfe durchgesetzt.
Wer die in einer Auflage von zwei Millionen
Exemplaren (davon 150 000 in Polierter Platte!) in der
Berliner Münzstätte geprägte Gedenkmünze genau anschaut
und sie mit der Realität vergleicht, erkennt unter
anderem einen der charakteristischen U-Bahneingänge in
Berlin und einen der Türme der Oberbaumbrücke, die die
durch die Spree getrennten Bezirke Friedrichshain und
Kreuzberg verbindet. In der „Mauerzeit“ von 1961 bis
1989 war hier Betreten verboten, erst in den letzten
Jahren wurde das, mittelalterlichen Bauten der Mark
Brandenburg nachempfundene, Bauwerk restauriert.
Neben der U-Bahn-Münze gibt es in diesem Jahr noch
ein weiteres Berlin-Motiv auf einer Zehn-Euro-Münze,
nämlich die Ansicht der auf der Liste des
Weltkulturerbes stehenden Museumsinsel aus der
Vogelperspektive. Im Wettbewerb um die Gestaltung dieser
Münze war Frantisek Chochola (Hamburg) erfolgreich.
Beide Gedenkprägungen bereichern das aktuelle Angebot
mit Berliner Themen, zu denen die prägefrisch
umlaufenden Stücke zu 50, 20 und 10 Cent mit dem
Brandenburger Tor gerechnet werden müssen.
Die kaiserliche Reichshauptstadt hinkte, was die
Untergrundbahn betrifft, anderen Metropolen nach. Den
Anfang hatte London gemacht, wo bereits 1863 eine
Tunnelverbindung zwischen Paddington und Farringdon
Street geschaffen wurde. Da hier Dampfloks mit ihren
stinkenden Rauchschwaden hindurch fuhren, war die
Strecke weder gesund noch populär. Einen Durchbruch gab
es erst durch elektrisch betriebene, „sauber“ fahrende
Züge, die auf den Berliner Unternehmer und Konstrukteur
Werner von Siemens zurückgehen. Jeder Kilometer Hoch-
und Unterpflasterbahn, wie es damals hieß, verschlang
die damals ungeheure Summe von 2,5 Millionen Mark. Darin
waren auch Kosten für Grundstücksankäufe, ober- und
unterirdische Bahnhöfe und Durchbrüche durch
Häuserzeilen inbegriffen.
Bei den Berliner Behörden gab es erhebliche
Widerstände gegen die Neuerung. Vor allem die Polizei
befürchtete, die unterirdischen Abschnitte könnten das
eben erst fertig gestellte Netz von Kanälen zur Ver- und
Entsorgung der rasch wachsenden Metropole mit Wasser
gefährden. Außerdem befürchtete man eine optische
„Verschandelung“ der Stadt durch die auf Stelzen
gebauten oberirdischen Trassen. Die Skeptiker setzten
sich zwar nicht durch, konnten aber Einfluß auf die
Streckenführung nehmen.
1879 hatte Siemens auf der Berliner
Gewerbeausstellung sein elektrisch betriebenes
Schienenfahrzeug und ein Jahr später erste Pläne für
eine damit betriebene Bahn vorgestellt. Doch ließ man
sich mit der Verwirklichung Zeit. Da Siemens in Berlin
nicht richtig zum Zuge kam, baute seine Firma
zwischendurch die U-Bahn in Budapest. Erst 1896 wurde
der Bau der sogenannten Stammstrecke (heute U 1) in
Angriff genommen. Ein Konsortium der Firma Siemens &
Halske und der Deutschen Bank schaffte bis 1913 ein
Streckennetz von 36 Kilometer, heute verfügt die U-Bahn
über 147 Kilometer.
Die Berliner eroberten sich schnell das neue
Verkehrsmittel, das der noch mit Dampfkraft bewegten
Stadtbahn Konkurrenz zu machen begann. In der Presse
wurde kräftig Reklame für die Novität gemacht, und da
man einen nicht zu bewältigenden Ansturm befürchtete,
wurden die Fahrpreise mit 30 und 50 Pfennig für zwei
unterschiedliche Klassen zunächst recht hoch angesetzt.
Schon bald wurden sie auf 10 und 15 Pfennig gesenkt.
Bereits im Eröffnungsjahr 1902 zählte man 19 Millionen
und 1903 bereits 30 Millionen Fahrgäste. Mit den Jahren
entstand ein sehr modernes Verkehrsnetz sowohl unter der
Erde als auch oberirdisch. So haben Benutzer der U-Bahn
das Vergnügen, sich die Stadt auch von oben anzuschauen.
Bequem ist es auch heute, unterhalb der auf Stelzen
fahrenden Bahn zu laufen. Der „längste Regenschirm“ der
Welt oder auch „Magistratsregenschirm“ erlaubt es auch
heute, trockenen Fußes lange Strecken in der Stadt
zurückzulegen.
Beschädigung durch Bombentreffer und
Artilleriebeschuß legten im und nach dem Zweiten
Weltkrieg die U-Bahn zeitweilig lahm, doch nachhaltiger
wirkten sich aber die Sperrmaßnahmen nach dem Bau der
Mauer aus. Brutal wurde das ausgeklügelte Netz
unterbrochen. An der Mauer endete auch die U-Bahn, und
wo es sich nicht vermeiden ließ, rauschten die Züge ohne
Halt durch die dunklen Geisterbahnhöfe. Erst nach dem
Fall der Mauer wurden die Transitstrecken mit großen
Kosten reaktiviert.
Viele unter Denkmalschutz stehende U-Bahnhöfe sind
noch weitgehend im Originalzustand erhalten. Obwohl
ursprünglich nur eine sehr einfache und kostensparende
Dekoration geplant war, hat man sie prächtig
ausstaffiert, wie man auch auf dem Silber-Euro erkennen
kann. Da sich Berlin gerade zur Weltmetropole mauserte,
wollte man anderen Hauptstädten auch in dieser Beziehung
nicht nachstehen, und so setzten sich jene Künstler und
Architekten durch, die eine „ansprechende Wirkung der
Bahn auf das Stadtbild“ verlangten. Dabei hat es manchen
Stilmischmasch gegeben. Märkische Backsteingotik,
Neobarock, Jugendstil, Neue Sachlichkeit und Schick der
fünfziger Jahre sind an verschiedenen Bahnhöfen zu
erkennen.
Fotos: H. Caspar
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