VORANKÜNDIGUNG:
Helmut Caspar

Berliner Lügen, Mythen und Legenden
Zwischen Ablaßhandel und Zwangsumtauch


Michael Imhof Verlag Petersberg 2011, 191 S.,
zahlr. Abb., 9.95 Euro (ISBN 978-3-86568-653-4)

Nicht alles, was über die Berliner und ihre Stadt erzählt wird, ist wahr. Vieles ist frei erfunden oder setzt sich wie beim Spiel "Stille Post" aus Geschichten zusammen, bei dem hinten etwas anderes heraus kommt als vorn gesprochen wurde. Das Buch nennt Beispiele für solche Mythen und Legenden, erwähnt aber auch handfeste Lügen, mit denen das Volk hinters Licht geführt wurde. Alphabetisch aufgebaut, beginnt es mit der hochgeheim vorbereiteten "Aktion Blitz", mit der die DDR-Regierung durch Umtausch alter gegen neue Banknoten Schieber und Spekulanten, wie es damals hieß, treffen wollte, und es endet mit dem Zwangsumtausch, auf den sich nach dem Mauerbau von 1961 Besucher aus dem Westen einlassen mussten, wenn sie den östlichen Teil Berlins und die DDR betreten wollten.

Zwischen beiden Stichwörtern kommt manches zur Sprache, was man allenfalls vom Hörensagen weiß, etwa wie 1805 aus dem Ochsenmarkt der Alexanderplatz wurde, und ob das Märchen stimmt, dass kupferne Quadriga auf dem Brandenburger Tor schon mal stadtauswärts gefahren ist. Erzählt wird auch die abenteuerliche Geschichte des Hauptmanns von Köpenick, der in keinem Festumzug fehlt. Es wird nachgefragt, warum es trotz vieler Verordnungen schon vor einigen hundert Jahren nicht gelang, die Berliner zur Reinlichkeit auf den Straßen zu bewegen, und was sich die DDR-Führung vor 50 Jahren vom Bau der Berliner Mauer versprach. Der Verfasser legt dar, wie es 1710 zur Gründung der Charité und 1810 der Humboldt-Universität kam, und warum Friedrich der Große uniformierte Schnüffler ausschickte, um unversteuerten Kaffee zu aufzuspüren. Das Buch vermittelt ferner biographische Einzelheiten über die 1810 verstorbene Königin Luise, die man als preußische Madonna verehrte, und schildert, was Mitte des 19. Jahrhunderts gusseiserne, mit Plakaten und Zetteln beklebte Säulen so populär machte. Nachgefragt wird ferner, warum 1950 die Ruine des Stadtschlosses gesprengt wurde, und warum die Hoffnung der dafür verantwortlichen Politiker nicht in Erfüllung ging, bald werde kein Hahn mehr nach dem Hohenzollernbau krähen.

Das reich illustrierte Buch macht mit Episoden aus der Berliner Geschichte bekannt, denen der Geruch des Merkwürdigen, Unglaublichen, Legendären und Mystischen anhaftet. Manches lässt sich nicht mehr exakt nachprüfen, weil die Quellenlage dürftig ist. Die "Berliner Mythen, Lügen und Legenden" erschienen in einer Zeit, da ein Jubiläum auf das andere folgt. 2010 war es 65 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg und das so genannte Tausendjährige Reich in einer furchtbaren Katastrophe endeten. An die deutsche Wiedervereinigung vor 20 Jahren wurde erinnert, und die Leistungen der Charité und der Humboldt-Universität wurden gewürdigt. 2011 schauen wir auf den Bau der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze vor 50 Jahren zurück. 2012 wird der 300. Geburtstag des preußischen Königs Friedrich des Großen festlich begangen, und 2013 erinnern wir uns an den Beginn einer neuen Ära im Jahr 1713 durch die Thronbesteigung des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. Dem Autor kommt es nach eigenen Worten darauf an, hinter die Kulissen zu schauen und zu zeigen, dass nicht alles, was in der Berliner Geschichte glänzt, Gold sein muss, und vieles der kritischen Prüfung nicht standhält. So soll dieses Buch den Blick auf die Berliner, denen Goethe einmal nachgesagt hat, sie hätten "Haare auf den Zähnen", und ihre sich ständig verändernde Stadt schärfen helfen und dazu beitragen, sich selbst und unsere Vergangenheit und Gegenwart kritisch zu hinterfragen.